Geburt und Tod


Einmal ging ein Mann, der gerade erfahren hatte, dass er nur noch wenige Monate leben würde, zu einer bekannten buddhistischen Meisterin. "Ich muss sterben", sagte er und seine tiefe Erschütterung zeigte sich in jeder Pore seines Körpers. Die Meisterin sah ihn lange an. "Ich auch", sagte sie. "Ich auch."

Die Angst vor dem Tod ist vielleicht unsere größte Angst. Sie zeigt sich tagtäglich in unserem Verhalten, in unserem Denken und in unseren Gefühlen. Unsere Kultur bietet mannigfaltige Möglichkeiten, sich der Existenz des Todes zu verschließen. Tod und sterben sind wahrhaftig keine Grundpfeiler unserer Hochkultur.

Solange die Angst vor dem Tod unser Leben bestimmt, ist kein Frieden möglich. Stattdessen fliehen wir in die Welt der Sinne und des Konsums, um dieser Angst nur nicht begegnen zu müssen: 40jährige Männer spritzen sich Botox in ihre Stirn, um jugendlich und frisch zu wirken. Und Mädchen unterziehen sich kosmetischen Operationen, bevor sie sich überhaupt erst fertig entwickelt haben. Wir können deutlich sehen, wie das Ideal des jungen Menschen unser Leben durchtränkt. Zeitschriften und Medien sind übervoll von frischen Körpern. Jugendlichkeit und Leichtsinn lächeln uns an jeder Bushaltestation durchdringend an. Schon 11jährige Mädchen wissen sehr genau, wie sie später einmal auszusehen haben und wie man diesem Ideal kosmetisch nachhelfen kann.

Der Buddha empfahl uns Menschen sich täglich die Zerbrechlichkeit unseres Körpers vor Augen zu halten. Ja, jeden Tag sollen wir über den Tod nachdenken: Wie wir sterben werden, wie das Leben aus den Körpern unserer Liebsten entweicht und nichts als einen bleichen Leichnam zurück lässt.

Als ich vor 1,5 Jahren begann diese Übung zu praktizieren, bemerkte ich anfänglich nicht viel. Nach gut drei Wochen jedoch spürte ich immer deutlicher, wie tief die Angst vor dem Tod in mir sitzt. Die unwiderrufliche Gewissheit meines Todes ließ mich schaudern - und wenn ich in die Augen meiner Kinder sah und auch ihren Tod sehen konnte, fühlte ich mich tief erschüttert.

Warum empfahl der Buddha diese Übung? Er wollte, dass wir uns auf das Wesentlichste in unserem Leben konzentrieren. Er wollte, dass wir die Flüchtigkeit des Lebens deutlich zur Kenntnis nehmen, damit wir uns nicht mehr in den unwichtigen Dingen des Lebens verlieren. Er wollte, dass wir erkennen, dass der Tod ein natürlicher Bestandteil unseres Leben ist und dass diese Annahme dazu führt, ein friedvolles und achtsames Leben zu führen.

Darüber hinaus war es den Buddha, dass wir unsere wahre Natur erkennen, die vollkommen losgelöst von unseren Vorstellungen von Geburt und Tod existiert. Wenn wir diese Einsicht in unsere wahre Natur verinnerlicht haben, wird unsere tiefsitzende Angst verschwinden und wir können dem Leben sicher und voller Glück begegnen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen