Ideal und Mitgefühl

Etwas, dass viele westliche Menschen teilen, ist ihre gestörte Beziehung zu sich selbst. Irgendwo in uns schlummert ein absurdes Selbstideal, dass wir unmöglich erreichen können, an dem wir uns jedoch ständig orientieren. Dieses Selbstideal sagt uns, wie unser Körper auszusehen hat, wie wir uns zu verhalten haben, wie wir als Eltern zu fungieren haben, als Lehrer, als Arbeiter, als Innenarchitektin. Dieses innere Ideal bewertet unsere tägliche Meditation und unsere tägliche spirituelle Praxis. Leider schneiden wir dabei nicht gut ab. Es ist unserem inneren Ideal einfach nie genug, wie wir leben, denken, fühlen und handeln. Manchmal sind wir durchaus nahe dran, aber insgeheim wissen wir in diesem Moment, dass nahe dran auch vorbei ist.


Was will uns dieses innere Ideal lehren? Und was braucht es, damit es unser Freund und unsere Meisterin werden kann?


Es gibt da einen kleinen Trick, der uns helfen kann, mit dem unbarmherzigen inneren Ideal Freundschaft zu schließen. Dieser Trick nennt sich "Mitgefühl". Das Mitgefühl zu uns selbst ermöglicht es, das innere Ideal als Wegweiser zu betrachten, als eine Stimme unter vielen, die uns dabei hilft, die Orientierung nicht zu verlieren, die uns unermüdlich dabei unterstützt, unseren inneren Idealen nicht untreu zu werden.


Wenn wir uns in tiefem Mitgefühl begegnen, können wir uns auf das innere Ideal stützen, wie auf einen guten Freund. Es wird uns begleiten, kann uns aber nicht mehr verletzen und antreiben, da wir durch die Liebe zu uns selbst wissen, wie wir mit den Impulsen des inneren Ideals umzugehen haben: Wir verstehen das innere Ideal als Wegweiser in einer oftmals verwirrenden Welt - nicht mehr und nicht weniger. Manchmal ist es gut, sich an einem Wegweiser zu orientieren und manchmal eben nicht. Das Mitgefühl hilft uns zu entscheiden, wann wir der Stimme des inneren Ideals folgen wollen und wann nicht.


Mitgefühl ist immer bei uns, auch wenn wir es nicht bemerken: Es hilft, sich einen Moment der Ruhe zu gönnen und sich mit einem kleinen Lächeln selbst zu bemerken. Wir können beobachten, wie wir die Haltung zu uns selbst unmerklich verändern. Denn etwas, dass wir anlächeln wird weich und erblüht und wenn wir uns selbst anlächeln, öffnen wir uns - für eine neue Sicht der Dinge, die sich nicht mehr nur von Orientierungsschildern leiten lässt, sondern auch den Horizont der Welt im Auge behält.

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