Vom Umgang mit tiefen Gefühlen der Traurigkeit

Vor einigen Jahren wurde eine Reportage über den Dalai Lama gezeigt. Es war zu sehen, wie er unterwegs in Indien von dem Tode eines kleinen Kindes erfuhr. Die Mutter war ebenfalls zu sehen, die unglaublich erschüttert war.

Die Reaktion des Dalai Lama war erstaunlich: Tränen der Traurigkeit flossen aus seinen Augen - es entstand ein absoluter Moment des geteilten Leidens. Das Gesicht des Mönchs war von tiefem Schmerz gezeichnet.
Wenig später, als der Dalai Lama weiterfuhr, kam jedoch gleich wieder sein charakteristisches Lachen zum Vorschein - alle Traurigkeit war weitergezogen, wie eine alte, graue Regenwolke.

Mitfühlen, aber nicht anhaften, bedeutet diese gelebte Lektion eines großen buddhistischen Mönchs. Wenn uns Leid begegnet, sollten wir ihm nicht ausweichen, sondern uns öffnen und daran teilhaben. Dann jedoch sollten wir wieder den Kontakt zu uns finden und uns nicht vom Leiden überwältigen lassen. Mitfühlen und loslassen. Einatmen und ausatmen. Sterben und Wiedergeboren werden.

Der Zen Meister Thich Nhat Hanh schreibt, dass wir angesichts der unfassbaren Tragödie in Fukushima, Japan das Gefühl erleben, selbst zu sterben. Er sagt, alle Menschen und die Erde sind ein Körper. Was dir passiert, passiert auch mir. Wir werden also an zwei Dinge erinnert:

Zum einen an die Verbundenheit und Abhängigkeit aller Dinge.

Zum anderen an die Unbeständigkeit des Lebens. Wir alle können jederzeit sterben und wir werden sterben. Zivilisationen sterben - eine nach der anderen erlebt Aufstieg und Niedergang und vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, wo auch unsere Zivilisation zu welken beginnt.

Darum sagt Thich Nhat Hanh, ist das Beste was wir in dieser Situation machen können, Liebe zu entwickeln für alle Lebewesen auf dieser Erde. Das größte Geschenk, dass wir an Japan richten können, ist ein achtsames und liebevolles Leben zu führen, so dass alle gestorbenen Menschen glücklich in uns weiterleben können. Wenn wir wollen, können wir den verstorbenen Kindern den beginnenden Frühling zeigen: "Sieh mal, liebes Kind: Hier blühen die ersten Krokusse. Sie blühen für dich." Und wenn wir draußen spazieren gehen, dann können wir leise flüstern, "ich spaziere nun für dich, lieber Bruder und lieber Schwester. Mein gelebtes Leben soll mein Geschenk an dich sein."

Auf diese Weise erinnern wir uns daran, dass wir alle eins sind, ein Körper und ein Geist und dass wir in Zeiten der Not und in der Liebe eng beieinander stehen.

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