Lebst du schon oder praktizierst du noch?


Und immer wieder kommt für viele spirituelle Menschen der Punkt, an dem sie sich fragen können: "Warum mach ich das alles überhaupt?" "Warum meditiere ich eigentlich jeden Tag?" "Wieso stopf ich mir den Kopf voll mit inspirierenden Büchern und rezitiere Affirmationen wie eine unermüdliche Antilope?"


Ja, warum eigentlich?


Der Buddha selbst benennt die spirituelle Praxis als ein Floß, dass uns zu einem anderen Ufer bringen kann. Sobald wir den Fluss überquert haben, macht es jedoch keinen Sinn, das Floß mit sich zu schleppen. Es will zurück gelassen werden.


Loslassen.



Vielleicht geht es darum. Loslassen und dass wir uns kontinuierlich vergegenwärtigen, an welchem Ufer wir stehen, welchen Fluss wir überqueren wollen und welches Floß uns dabei helfen kann.

Dies führt uns an einen entscheidenden Punkt: Unsere Motivation. Warum wollen wir überhaupt praktizieren? Was wollen wir erreichen? Was sind unsere Besonderheiten, unsere persönliche Eigenarten dabei?


Angenommen, wir wollen achtsamer im Moment leben, einfach das Leben intensiver wahrnehmen und irgendwie glücklicher werden. Dann ist unter Umständen keine knallharte Zen-Praxis angebracht, in der wir von strengen Zen-Meistern mit dem Stock eine drüber gebraten bekommen, sobald unser Geist ein klitzekleines bisschen abschweift. Vielleicht brauchen wir dann auch keine komplizierte Vajrayana-Meditation, in der wir uns in einen Bodhisattva-Archetypen verwandeln und 100-Silben-Mantras rezitieren.


Wir sehen, es ist durchaus entscheidend herauszufinden, an welches Ufer wir gelangen möchten. Denn aus dieser Einsicht heraus, können wir beginnen, das geeignete Floß zu bauen, um den Fluss effizient überqueren zu können.
Wenn wir achtsam im Alltag leben wollen, ein wenig glücklicher mit uns und ein wenig verbundener mit anderen, dann hilft es zum Beispiel, sich mehrmals am Tag auf den Atem zu konzentrieren. Das Einatmen wahrnehmen, das Ausatmen spüren. Den blühenden Kirschbaum wahrnehmen und sehen, wie die Blüten schon wieder beginnen, sich zu lösen und verblühen. Wahrnehmen, wie Kinder in ihren Gärten spielen, wie sie selbstvergessen und beständig ihren Traumpfad gehen. Ein bellender Hund, ein scheinender Mond.


Wahrnehmen, wie wir in der Welt sind. Gutmütig, liebevoll und einsichtig. Wahrnehmen, wie wir lächeln und wie unser Lächeln wie eine Kirschblüte durch unsere Welt fliegt und Freude bereitet.


Wenn wir ein wenig glücklicher sein wollen, ein wenig verbundener mit der Welt und mit uns selbst, dann braucht es gar nicht so viel. Den Atmen spüren, den Wind spüren, die Vögel hören, die Menschen hören.


Wenn wir ein wenig glücklicher sein wollen, dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt gekommen, damit zu beginnen. 


"Einatmend sehe ich den glücklichen Menschen in mir,
ausatmend lächle ich diesem Menschen zu.
Einatmend spüre ich meine Verbundenheit mit der Welt,
ausatmend lächle ich ihr zu.
Einatmend spüre ich mein Herz,
ausatmend lächle ich meinem Herzen zu."


(Frei nach Thich Nhat Hanh)



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