Warum Leerheit unsere Herzen mit Liebe und Weisheit füllt

Der Zen-Meister Thich Nhat Hanh begann einen Vortrag, in dem er ein weißes Blatt Papier aufhob und sagte: "Das ist eine Wolke."

Die Lehre des bedingten Entstehens ist ein zentrales Element in der buddhistischen Philosophie. Sie kann als Schlüssel des Erkennens gesehen werden und viele Mönche und Nonnen verbringen ein ganzes Leben damit, darüber zu kontemplieren und meditieren. Was ist nun Leerheit?

Zuerst ein Mal bedeutet Leerheit soviel wie "Abwesenheit einer eigenständigen Existenz". Damit ist gemeint, dass nichts aus sich selbst heraus existiert. Vielmehr sind wir eingebunden in ein Geflecht untrennbarer Beziehungen und Verbindungen. Wir sind alles, nur nicht isolierte Individuen - niemand ist eine Insel. Diese eher abstrakte Beschreibung lässt sich schön an einem Baum verdeutlichen. Wir alle wissen was ein Baum ist. Und wir alle glauben an die Existenz des Baumes. Doch - aus der Perspektive der Leerheit heraus betrachtet, gibt es keinen Baum. Sehen wir uns das mal genauer an: Wo fängt ein Baum an und wo hört er auf? Wenn wir genau hinblicken erkennen wir, dass der Baum untrennbar mit dem Regen und der Sonne verbunden ist. In gewisser Weise ist der Baum Regen und Sonne, er besteht aus Regen und Sonne und würde eines dieser Elemente verschwinden, auch der Baum wäre verschwunden. Die Trennung von Regen, Sonne und Baum gibt es nur in unserem Kopf. Nicht in der Wirklichkeit. Von kleinauf wurde uns gesagt, dies ist ein Baum, er sieht so und so aus, das macht sein Wesen aus. Und heute sehen und glauben wir das so. Der Baum. Eine eigenständige Existenz.

Doch wenn wir diese Trennung in unserem Kopf aufheben, erkennen wir dass der Baum nicht nur aus Holz, Blättern, Blüten und Wurzeln besteht. Auch die Bienen und Vögel sind der Baum. Der verfaulende Katzenkadaver ist der Baum. Blitz und Donner sind der Baum. Sie alle zusammen bilden den Raum des Lebens. Und dieser Raum ist nicht getrennt und isoliert. Jedes Phänomen in diesem Raum ist die Existenzgrundlage eines anderen Phänomens. Und so steht der Baum in direkter Verbindung mit den kreisenden Sternen und explodierenden Supernovas. Keine Trennung. Nur Verbindung. Und so ist es auch mit uns. 

Wir fühlen und definieren uns als eigenständige, aus sich selbst heraus existierende Wesen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Von einer höheren Perspektive aus betrachtet gibt es keine Trennung zwischen uns und unserer Umwelt. Wir sind der Baum, wir sind die Wirtschaft, wir sind die Welt und das Universum. Wenn uns Thich Nhat Hanh ein Blatt Papier zeigt, dann können wir darin die Wolke erkennen, aus der der Regen kam, die den Boden gewässert und den Baum zu trinken gegeben hat. In diesem Blatt Papier können wir all die Menschen erkennen, die diesen Baum gefällt haben und ihn zerlegt, ihn zu einem Brei verarbeitet haben und daraus Papier hergestellt, verpackt und verkauft haben. 

Wir können die Ahnenreihe dieser Menschen bis an den Ursprung der Menschheit zurück verfolgen und schließlich erkennen wir den Urknall in diesem Blatt Papier und darüber hinaus die Stille. Das ganze Universum befindet sich in diesem Augenblick. In jedem Phänomen. In dir und mir. Aus buddhistischer Sicht ist die Suche nach der Realität und die Suche nach Befreiung dasselbe. Wenn wir die Dinge so sehen wie sie sind, dann werden wir auch Befreiung erfahren. Denn unsere Sichtweisen von der Welt sind nur Interpretationen unseres Geistes, die nichts mit der Wirklichkeit an sich zu tun haben. Oder wie es Sogyal Rinpoche ausdrückt: "Es ist immer wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Prinzip der Egolosigkeit nicht bedeutet, dass es zuerst ein Ego gegeben hat, das die Buddhisten dann abgelegt haben. Es meint viel mehr, dass es niemals ein Ego gegeben hat. Dies zu realisieren ist Egolosigkeit." Unsere Aufgabe könnte also durchaus darin bestehen, diese Leerheit der Dinge zu verinnerlichen. Denn durch Kontemplation erfahren wir die Verbundenheit und beginnen unsere selbstauferlegten Grenzen aufzulösen. Wir werden durchlässig und wir verbinden uns. Das Phänomen "Ich" existiert nur in meinem Kopf. Und sobald ich beginne, mich von diesem Konzept zu lösen, erfahre ich die untrennbare Verbundenheit und Liebe und Weisheit füllt mein Herz. 

"Wisse, dass alle Dinge so sind. 


Ein Bild, ein Wolkenschloss.
Ein Traum, eine Erscheinung.
Ohne Essenz, aber mit Qualitäten, die gesehen werden können.
Wisse, dass alle Dinge so sind.
Wie der Mond an einem hellen Himmel.
In einem klaren Fluss reflektiert.
Doch der Mond hat sich nie in den Fluss begeben.

Wisse, dass alle Dinge so sind.
Wie ein immer wiederkehrendes Echo.
Von Musik, Geräuschen.
Aber in diesem Echo ist keine Melodie.

Wisse, dass alle Dinge so sind.
Wie ein Magier, der Illusionen produziert.
Von Pferden, Ochsen und anderen Dingen.
Nichts ist, wie es scheint."

Buddha


_()_





1 Kommentar:

  1. Diesen "Papier-Trick" oder Leinwand-Effekt verwendet auch Otto Scharmer in seiner Arbeit von Presencing für Führungskräfte:
    http://www.presencing.com/docs/research/articles/2_08%20ZOE_01%20Scharmer%20NEU.pdf

    AntwortenLöschen