Welcher Superheld bist du?

Meine Söhne, drei und sechs Jahre, lieben Superhelden. Ihr ganz persönlicher favourite hero ist Ben Tennyson, ein Junge der sich Kraft einer magischen Uhr in coole Aliens verwandeln kann, wie zum Beispiel den starken Gigantosaurus, den eiskalten Froster oder den feuerfesten Schlammfeuer. Ben verwandelt sich allerdings nur ein ein Super-Alien, wenn Gefahr droht oder er andere Wesen beschützen möchte. Ansonsten ist er ein stinknormaler Junge, der ständig von seiner Cousine genervt wird.

Je länger ich mir nun die Begeisterung meiner Jungs für Superhelden anschaue, umso deutlicher komme ich zu der Erkenntnis, dass es ein normaler Bestandteil unserer menschlichen Natur ist, ein Superheld zu sein. Diese Kraft steckt in uns allen. Denn wenn es darum geht, anderen Menschen zu helfen oder große Gefahren abzuwehren, sind wir tatsächlich in der Lage, uns zu verwandeln und die engen Grenzen unserer Identität abzulegen. Und im buddhistischen Kontext gibt es ganz praktische Hinführungen, wie wir uns in superheroes verwandeln können. Zu beachten ist dabei, dass es dabei von den jeweiligen Umständen abhängt, welche Superkräfte wir erlangen und trainieren können:

Oftmals begegnen wir Menschen, die unsere Hilfe brauchen - sei es auf einer materiellen oder immateriellen Basis. Wenn wir also sehen, dass jemand unsere Liebe braucht, ein Lächeln oder 50,- Euro, dann aktivieren wir den Helden der Großzügigkeit. Die erleuchtete Qualität der Großzügigkeit basiert dabei auf einer grenzenlosen Offenheit unserer Herzen. Wir erwarten nichts, wenn wir geben, weder Dank, noch Anerkennung, noch Freude. Das Geben ist einfach der Ausdruck unserer tiefen Anteilnahme für andere Wesen. That´s it.

Etwas komplizierter wird es, wenn wir direkt von finsteren Höllenwesen angegriffen werden, wenn wir von Dämonen der Selbstsucht, der Gier oder des Hasses übermannt werden. In solchen Situationen ist es ratsam, sich so schnell wie möglich in den kosmischen Bodhisattva der begeisterten Beharrlichkeit zu transformieren. Ohne den Superhelden der spirituellen Beharrlichkeit laufen wir in Gefahr unsere innere Praxis zu beenden, sobald wir auf ungünstige Bedingungen stoßen - und die Begegnung mit unseren inneren Dämonen ist eine wahrlich ungünstige Bedingung für unsere spirituelle Praxis.

Die vielleicht stärkste Superheldin jedoch benötigen wir, wenn wir im Kontakt mit anderen Menschen sind. Die Rede ist von der Meisterin der vollkommen Weisheit. Frei von Konzepten, Meinungen und Wissen erstrahlt diese innere Meisterin über alle unsere Grenzen hinweg. Und jedes Mal, wenn wir uns im Kontakt mit anderen Menschen verstricken, verheddern und verbändeln, ist sie es, die all unsere falschen und verzerrten Sichtweisen aufhebt und uns einen Einblick in die Verbundenheit aller Dinge schenkt. Dank unserer Meisterin der vollkommenen Weisheit sind wir in der Lage, die Wahrheit hinter der vorüberziehenden Entfaltung aller Erscheinungen zu erkennen.

Je länger ich also meinen Jungs zusehen, wie sie unermüdlich trainieren, um ihren immensen inneren Fähigkeiten einen Ausdruck zu verleihen, umso klarer wird mir, wie wichtig es ist, dass wir alle unsere inneren Stärken und Qualitäten entdecken. Und ausleben. Und in die Welt integrieren.

Das absolut Fantastische an dieser Sache dabei ist: Diese Qualitäten müssen wir nicht erst mühsam entwickeln, denn sie sind längst in uns. Die ungebremste Superhelden-Kraft ist Ausdruck unserer wahren Natur, die wir einzig wieder erkennen müssen. Wie einen seltenen Kristall, der lange unter der Erde verborgen lag, müssen wir unsere inneren Qualitäten einzig wieder freischaufeln und gründlich säubern. Doch genau wie der Kristall, strahlen unsere innere Qualitäten schon längst in vollem Ausmaß - sie haben ja niemals aufgehört zu strahlen, sie sind nur von einer dünnen Erdschicht verdeckt. Seit Beginn unserer Zeit tragen wir diese unentdeckten Qualitäten in uns.

Wir sehen, es ist gar nicht so viel dabei, ein Superheld zu sein. Fangen wir also einfach damit an.


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