Unser Neid als innerer Wegweiser

Viele haben das nagende Gefühl von Neid schon kennen gelernt in ihrem Leben. Und viele von uns schämen sich, wenn sie Neid in sich spüren. Es gehört per spiritueller Definition nicht zu den gewünschten Gefühlen eines authentischen Lebens. So weit so gut. Doch was wäre, wenn Neid nicht das zu sein scheint, für das wir es halten?

Meiner Erfahrung nach ist Neid schlichtweg ein deutlicher Ausdruck dafür, dass wir bestimmte Dinge in unserem Leben weiter entwickeln möchten. Eigentlich ist es sogar mit eines der besten Gefühle, die wir erleben dürfen, denn es zeigt uns deutlich den Weg, den wir gehen wollen.
Dies liegt daran, dass uns bestimmte Anteile unserer Selbst nicht bewusst sind. Im Gegenteil liegen sie irgendwo tief in uns vergraben und warten sehnsüchtig darauf, entdeckt und gelebt zu werden. Manchmal klopft jedoch unsere tief verborgene Sehnsucht auch in uns und möchte sich bemerkbar machen - und wir spüren dann Neid.

Ein Beispiel: Vor Jahren sah ich einmal das Bild eines jungen Rinpoche. Er war so Anfang Zwanzig und strahlte eine ungeheure Lebendigkeit und Zentriert aus. Als ich dieses Bild sah, wurde ich von einer intensiven Welle des Neides erfasst. "Warum bin nicht ich dieser Mensch auf diesem Bild?" dachte ich mir. "Wieso kann ich nicht so sein wie er?"
Für mich war dieser Moment eine Erschütterung meiner bisherigen Bezugspunkte. Es wurde mir so offenkundig bewusst, dass mit etwas sehr wichtiges und bedeutsames in meinem Leben fehlt: Eine spirituelle Verankerung. Seitdem praktiziere ich täglich den Buddhismus - und auch wenn ich wahrlich kein Rinpoche bin, so habe ich doch Frieden und Zuflucht in mir gefunden. Wenn ich heute nun das Bild des jungen Rinpoches sehe, entsteht Freude in mir und Dankbarkeit.

Neid ist ein Wegweiser. Neid kann uns zeigen, wo die nächsten Schritte unserer Entwicklung liegen. Wenn wir Neid spüren, können wir aufatmen und uns sagen: "Endlich weiß ich wieder wo ich lang gehen muss."

Um die volle Qualität des Neides zu erkennen, lohnt es sich folgende Schritte zu beachten:
1. Wo spürst du Neid?
2. Schaue dir die Person ganz genau an, auf die du neidisch bist. Was hat sie, was du nicht hast? Welche Qualitäten lebt sie, die du dir nicht zugesteht? Bedenke - du kannst nur neidisch werden, wenn du es selbst für möglich hältst, diese Qualitäten zu verkörpern. Niemand ist neidisch auf Barack Obama oder den Dalai Lama.
3. Mache dir bewusst, dass dich das Leben dazu einlädt, genau diese Qualitäten zu verwirklichen. Und noch mehr als das: Das ganze Universum steht hinter dir und lädt dich ein, diese Qualitäten in dir zu entdecken.
4. Fake it ´till you can make it. Das ist vielleicht der bedeutsamste Punkt: Warte nicht. Sei nicht so deutsch und mache alles perfekt. Sei jetzt der lebendige Ausdruck deiner Sehnsucht. Wenn es nicht auf Anhieb klappt - so what? Geh in deinen Herzenswunsch. Verkörpere ihn. Leben ihn. Genieße ihn.
5. Sei dankbar, denn Dankbarkeit ist immer ein guter Abschluss. Egal wovon...


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