Reflektiertes Handeln in turbulenten Zeiten

Ein reflektiertes Handeln ist angesichts des Zustandes dieser Welt unerlässlich. Damit ist gemeint, die Folgen unseres Handelns abzuschätzen. Der Dalai Lama betont die immense Bedeutung des abhängigen Entstehens. Wenn die Ursachen für etwas gelegt sind, dann ist es unvermeidbar, dass bestimmte Resultate eintreten aufgrund des Kausalitätsprinzips. Wenn man also bestimmte Konsequenzen vermeiden möchte, ist es zunächst wichtig, die Ursachen für ihr Entstehen zu erkennen. Nach buddhistischer Lehre liegt die Schwierigkeit für uns Menschen darin, dass wir die Wirkungszusammenhänge aus Ursachen und resultierenden Konsequenzen nicht wahrnehmen können, weil häufig zu viel Zeit dazwischen liegt. Wir nehmen die Dinge war, wie sie erscheinen und können sie nicht als Ergebnis sehen, dass auf viele Ursachen und Faktoren zurück zu führen ist. Damit gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, wie uns die Phänomene erscheinen und dem, wie sie eigentlich sind. Das wird in der buddhistischen Lehre als Unwissenheit benannt und ist die Hauptursache für alles weitere Leid. 

Ein Beispiel dafür gibt ein internationaler Geschäftsführer, der mit der Produktion von T-Shirts in anderen Ländern betraut ist. Wenn man in einem Laden ein T-Shirt sieht, dann nimmt man nur dieses T-Shirt war, wie es aussieht, ob es einem gefällt, was es kostet. Wie dieser Geschäftsführer nun ausführt, gibt es aber mehrere Möglichkeiten, wie man nun dieses T-Shirt wahrnehmen kann. Entweder kann es von gierigen Unternehmen produziert werden, die die größte Gewinnmarge erzielen wollen und sich nicht darum kümmern, ob die Baumwollhersteller in Indien sich und die Umwelt mit Pestiziden vergiften und rücksichtslos ausgebeutet werden. Oder es kann ein „Fair Trade“ Produkt sein und die Baumwolle und Verarbeitung entstand im schützenden Rahmen einer Gewerkschaft, die sich darum kümmert, dass zumindest Mindeststandards eingehalten werden. In diesem Zusammenhang bedeutet also ein reflektiertes Handeln sich klar zu machen, welche tiefgreifenden Auswirkungen bestimmt Entscheidungen haben und sich klar zu machen, dass man für diese, oftmals verdeckten, Auswirkungen ebenfalls Verantwortung zu tragen hat. 

Viele unserer Vorstellungen sind häufig einfach übernommene, aber nicht hinterfragte Erwartungen anderer Menschen, die uns im Leben begegnet sind und denen wir somit einen großen Einfluss einräumen. Menschen agieren in ihren gewohnten Mustern, ohne sich zu hinterfragen. So kommen die Forscher Brügger und Scherer zu dem Ergebnis: „Die meisten Menschen denken nicht so gut, wie sie glauben. Statt möglichst optimale Lösungen zu finden, denken viele von uns in gewohnten Mustern und sind überzeugt davon, dass Genies wie Einstein, Picasso oder Mozart so geboren wurden. Was aber, wenn diese Annahme falsch wäre?“ Nach Professor Kruse geht es heute um einen Prozessmusterwechsel. Wenn sich die Umweltbedingungen ändern, wie es heute häufig der Fall ist, fällt es Menschen häufig schwer, sich und ihre Ansichten anzupassen. Das könnte nämlich bedeuten sich phasenweise vom Lehrer zum Lernenden zurückzuverwandeln. 

Menschen die stark auf das effiziente Umsetzen festgelegter Ziele ausgerichtet sind, haben es heute in Zeiten der komplexen Dynamiken häufig schwerer, weil sie bisher ihre Ziele mit wenig Variation im gewohnten Verhalten umgesetzt haben. Auf Situation A wurde standardmäßig mit Reaktion B reagiert, mittlerweile wird jedoch immer deutlicher, dass diese Art zu Handeln in instabilen Systemen und Zeiten, in denen vielfältige Anforderungen zu bewältigen sind, nur schlecht greift. Die neue Kultur erforderte eine vollkommen andere Sichtweise!

Die Integration von Achtsamkeit in den Alltag ist in diesem Falle hilfreich, da Achtsamkeit eine Verknüpfung zwischen Kognitionen und Emotionen herstellen kann. Dies bedeutet, dass Fähigkeiten der Aufmerksamkeitsregulierung, wie etwa der Perspektivenwechsel oder der bewussten Erfahrung des Moments, gelernt werden können. Menschen sind sich im Allgemeinen nicht bewusst darüber, was sie gerade tun, statt dessen werden sie von Gedanken und Gefühlen geleitet, die sich aufgrund von äußeren Reizen bilden. Im so genannten Autopiloten-Modus sind sich die Menschen der innerlich ablaufenden Prozesse nicht bewusst, sie laufen automatisch ab und werden daher selten korrigiert. Sobald jedoch der Faktor Achtsamkeit hinzu kommt, können die eigenen inneren Zustände wahrgenommen werden. Man ist dadurch in der Lage, selbst in turbulenten Situationen die Selbstreflexion nicht zu verlieren und sich nicht von Gefühlen oder Gedanken überfluten zu lassen, wie es oft durch das Auftreten kritischer Reize passieren kann. 
Das bestätigt auch besagter Geschäftsführer, der versucht, seine Reaktionsgewohnheiten zu durchschauen und nun durch die buddhistische Praxis, die ehemals negativen Reaktionsmuster durchbricht, um die Vielfalt der möglichen Reaktionen zu erkennen. Daraus erwächst in ihm der Wunsch über seinen eigenen Tellerrand zu schauen - was uns allen zugute kommt.


_()_

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen