Die halbe Erleuchtung des Buddha

Aufgrund einiger  Anmerkungen und Wünsche, stelle ich diesen Post gerne noch einmal zur Diskussion. Es geht um das Thema "Evolution der Erleuchtung". Ein ungemein spannendes, kontroverses und zeitgeistiges Thema.

Ken Wilber sagte einmal dass Buddha eigentlich nur halb so erleuchtet war, wie es ein heutiger Weiser potentiell sein kann. Um diese Aussage verständlicher zu machen, sollten wir uns die Fakten dazu anschauen und hierfür lasse ich Ken Wilber selbst zu Wort kommen:

„Erstens müssen wir verstehen, dass die Wirklichkeit aus zwei fundamentalen Dimensionen besteht: dem Bereich der Leerheit und dem Bereich der Form. Leerheit ist der zeitlose, nicht manifestierte Grund des Seins, und Erleuchtung bedeutet normalerweise, diese ursprüngliche Leerheit zu erkennen.Der Buddha bezeichnete dies als Nirvana.Das bedeutet, dass nichts entsteht. Es ist ein Bewusstseinszustand, der wesentlich dem traumlosen Tiefschlaf ähnelt, in dem es keinen Schmerz, kein Selbst, kein Leiden, kein Begehren gibt - nichts von alledem. Ein Ort des Friedens, der Stille und der Freiheit jenseits des Getümmels manifester Existenz. Diese nicht manifestierte Leerheit zu entdecken, wurde von jeher als der eine Weg betrachtet, um sich von Samsara zu befreien - dem Rad von Schmerz und Leid, Geburt und Tod.

Nun, Gautama Buddha erkannte die Leerheit vollkommen. Aus der Sicht dieses traditionellen Verständnisses war er also erleuchtet. Er erfuhr die vollkommene Einheit im Bewusstsein, durch die er die Vielfalt von Manifestation, Zeit und Form transzendierte. Doch etwa 800 Jahre nach Gautama tauchte ein außergewöhnlicher Mann namens Nagarjuna auf und zeigte, dass man, wenn es einem ernsthaft darum geht, die höchste Einheit zu finden, nicht einfach nach dem Nirvana suchen kann, das vom Samsara geschieden ist, denn das ist immer noch dualistisch. Stattdessen müssen wir nach der Einheit von Nirvana und Samsara suchen, nach der Einheit von Leerheit und Form, nach der Einheit des Nicht-Manifestierten und des Manifestierten, nach dem also, was Nagarjuna das Nonduale nannte.



Diese Erkenntnis führte zu der buddhistischen Revolution des Mahayana, zusammengefasst in der berühmten Botschaft des Herz-Sutras: „Form ist nichts anderes als Leerheit, Leerheit ist nichts anderes als Form.“ Das veränderte das Verständnis der Befreiung radikal. Befreiung wurde nicht mehr als Flucht vor der halben Realität gesehen, um sich in der anderen Hälfte zu verstecken, sondern als Vereinigung beider Hälften, indem man eine Erleuchtung findet, die sowohl die Freiheit der Leere als auch die Fülle der Form einschließt. Auf einmal bist du also nicht mehr nur in deinem inneren Bewusstsein erleuchtet, das auf die getrennt existierende Welt da draußen schaut. Du schaust nicht mehr den Berg an, du bist der Berg. Du schaust nicht mehr in die Sonne, du bist die Sonne. Du berührst nicht mehr die Erde, du bist die Erde. Galaxien kreisen durch dein Blut und Sterne erleuchten die Neuronen deiner Nacht und du bist eins mit all dem.


Das also ist der erste Punkt: Der Buddha erkannte die Leerheit, aber soweit wir sehen, erkannte er nicht die Fülle des Nondualen des Einswerden mit aller Form.

Der zweite Punkt ist, dass die Leere zeitlos und unveränderlich ist, die Welt der Form jedoch nicht. Uns wird jetzt klar, dass sich die Welt der Form beständig wandelt, entwickelt, im Werden begriffen ist. Das bedeutet, dass sich die Welt der form 2500 Jahre über Gautama Buddhas Zeit hinaus entwickelt hat. Mindestens drei große Kulturstufen haben sich seitdem entfaltet, die nun die strukturierte Welt der Form mit ausmachen. Sie bilden Aspekte der manifestierten Wirklichkeit, zu denen der Buddha keinen Zugang hatte, einfach weil sie noch nicht existierten. Der Weise von heute hat dem Buddha also aus evolutionärer Sicht mehrere Stufen voraus. Der erleuchtete Weise von heute ist nicht unbedingt freier als der Buddha - denn die zeitlose Leere hat sich nie verändert  aber er oder sie ist voller und in der Lage, die Einheit mit einer größeren Fülle des Manifestierten zu erfahren. Denn in evolutionärer Hinsicht ist jemand, der im 21. Jahrhundert lebt, einfach weiter voraus.“

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