Die Welt als Spiegel unserer inneren Muster

Ein erster Schritt der Bewusstwerdung kann erfolgen, wenn wir verstehen, wie wir „funktionieren“. Nach der buddhistischen Psychologie gibt es mehrere Formen oder Arten des Bewusstseins. Die ersten fünf basieren dabei auf den physischen Sinnen. Es sind die Bewusstseinsaspekte, die entstehen, wenn unsere Augen Formen sehen, unsere Ohren Klänge hören, unsere Nase Gerüche riecht, unsere Zunge etwas schmeckt oder unsere Haut ein Objekt berührt. Eine weitere Bewusstseinsform ist das sogenannte Speicherbewusstsein. Im Speicherbewusstsein sind alle Erfahrungen und Eindrücke die wir je erlebt, getan oder wahrgenommen haben, in Form von „Samen“ gespeichert. Samen ist dabei eine Bezeichnung für sämtliche Eindrücke und Erfahrungen, die als Potential in dieser Bewusstseinsform gelagert sind. Da wir in der Regel positive wie negative Erfahrungen und Wahrnehmungen machen, sind auch die Samen im Speicherbewusstsein entweder positiver, negativer oder neutraler Natur. Wir können uns das als einen riesigen Garten vorstellen, in dem eine schier unendliche Anzahl verschiedenartigster Samen eingepflanzt sind. Es gibt Samen, die stachelige Pflanzen hervorbringen und es gibt dort Samen, die den schönsten Lotus in sich bergen. 

Das Speicherbewusstsein ist in der Regel nicht zugänglich, es entspricht am ehesten Sigmund Freuds Konzept des Unbewussten. Allerdings teilt die buddhistische Psychologie nicht dessen negative Schlussfolgerungen Anstatt vergangene Ereignisse zu analysieren steht in der buddhistischen Psychologie die Transformation der Gegenwart im Vordergrund.
Wenn wir uns die Lehre des Speicherbewusstseins genauer ansehen, entdecken wir, dass es zu einem großen Teil an uns selbst liegt, ob wir ein glückliches Leben führen oder nicht. Da in unserem Speicherbewusstsein eine nahezu unendlich großes Anzahl verschiedenster Samen liegt, können wir entscheiden, welche Samen wir „gießen“ wollen und dadurch zum wachsen bringen und welche nicht. 
Dabei ist es aber wichtig zu beachten, dass alle Phänomene eine individuelle und eine kollektive Natur besitzen. So schreibt Thich Nhat Hanh: „Leiden ist nicht nur eine individuelle, sondern ebenso eine kollektive Manifestation vieler Generationen und der gegenwärtigen Gesellschaft. Daher gibt es niemanden, der nicht für alles, was in mir vorgeht, mitverantwortlich ist. Der Anteil an der Verantwortung kann größer oder kleiner ausfallen, je nach Person und Umständen und aus denselben Gründen bin ich mitverantwortlich für das, was in den Menschen meiner Umgebung vorgeht.“
Nach dieser Sichtweise befinden wir uns in einem untrennbaren Wechselspiel zwischen individuellen und kollektiven Phänomenen. Einerseits werden durch die kollektive Dimension positive wie negative Samen in uns gewässert und kommen dadurch in unser Bewusstsein, zum Beispiel durch das Miterleben eines öffentlichen Streits oder das Erleben von Großzügigkeit im gesellschaftlichen Rahmen. Andererseits liegt es an uns, welche Samen wir in anderen Menschen wässern, es hat also durchaus große Auswirkungen, ob wir die Verkäufer an der Kasse freundlich anlächeln oder anschnauzen, wenn sie mal einen Fehler machen. 

Alles was wir sehen und alles was uns widerfährt hat im Grunde genommen mit uns zu tun: Es ist eine Spiegelung unseres eigenen Musters. Es kommt nun darauf an, die eigenen Prägungen zu erkennen und zu wissen, nach welchen gewohnheitsmäßigen Mustern wir handeln. Wenn diese Muster erkannt werden, können wir mit der Zeit lernen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Weiterhin kommt hier auch die kollektive Dimension zum Vorschein in der Erkenntnis, dass es allen Menschen so geht wie mir und ich dann am glücklichsten bin, wenn andere Menschen meine positiven Samen wässern. Dies geschieht am besten dadurch, dass ich bei anderen Menschen ihre positiven Seiten wahrnehme und fördere.

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