Plädoyer für eine eigenverantwortliche Interpretation der buddhistischen Lehre

Hast du gewusst, dass der Begriff „Buddhismus“ noch keine 200 Jahre alt ist? „Buddhismus“ ist eine rein europäische Erfindung, um dem Phänomen der Dharma-Praxis einen Namen geben zu können. Bevor alle Welt von Buddhisten sprach,  praktizierte man innerhalb einer Tradition oder Linie, der man sich völlig hingab und in der Regel auch nicht hinterfragte. Die Welt war in gewisser Weise sehr einfach und in Ordnung.
Heute sind die Dinge anders. Halten wir uns nur mal die immense Masse an buddhistischen Textmaterial vor Augen. Wenn wir uns allein den Inhalt des chinesischen Tripitaka ansehen, kommen wir auf 2.920 Werke, die in 11.970 Büchern auf insgesamt 80.645 Seiten zusammen gestellt sind. Es ist offensichtlich, dass nicht alle Sutras auf den Buddha zurückzuführen sind. Es ist vielmehr so, dass nach Budhhas Tod noch tausend Jahre lang Sutras verfasst wurden und als die seinen ausgegeben.

Heute stehen wir vor der gewaltigen Aufgabe, diese Textmassen zu sichten und zusammen zu tragen, um an den ursprünglichen Kern des Buddhismus zu gelangen. Was ist die Essenz der buddhistischen Lehre? Welche Interpretationen sind für die heutige Zeit bedeutsam und welche nicht? 

Denn wenn es Hunderttausende Schriftstücke gibt, mit unterschiedlichen Inhalten, dann kann sich jeder buddhistische Lehrer, die Stücke heraussuchen, die zu seinem Weltbild passen - und er kann sich zweifelsohne dabei auf das Wort des Buddha berufen. 

Auch wenn sich die verschiedenen Traditionen einig darüber sind, welche groben Inhalte zu berücksichtigen sich, wie etwa die vier edlen Wahrheiten, der Achtfache Pfad, das bedinge Entstehen, Karma, Samsara, Nicht-Selbst und Wiedergeburt, so unterscheiden sie sich doch in der Art und Weise wie intensiv von den jeweiligen Bausteinen Gebrauch genommen wird. Jede Linie und jede Tradition interpretiert den Buddhismus wie sie es für richtig hält. Darum sollte uns klar sein, wie wir hier im Westen den Buddhismus interpretieren. Gerne berufen sich zum Beispiel westliche Lehrer auf das Kalama-Sutra, da es unser Verständnis von Eigenverantwortung und Individuation zu unterstreichen scheint. In anderen Linien wiederum, wird diesem Sutra nur sehr wenig Aufmerksamkeit gewidmet, da man sich lieber an Sutren orientiert, die den Gemeinschaftssinn und das Aufgehen in der Tradition betonen. 

In einigen Lehrreden des Saáyutta Nikâya gibt der Buddha zum Beispiel ganz handfeste Beispiel davon, wie wir in die Welt einwirken können, indem wir zum Beispiel Obdachlosen helfen und Bäume pflanzen. Nach Bhante Dhammika ist es nun jedoch so, dass diese aktiven Beispiele von tugendhaften Handeln häufig im Mahayana Kontext zu finden sind, nicht jedoch in der Theravâda-Literatur.

Es ist also hilfreich, wenn wir uns während des Studiums der buddhistischen Schriften folgende Fragen stellen: Wem nützt diese oder jene Interpretation der Lehre? Was ist dabei traditionelle Ansicht und was ist unverzichtbarer Bestand der Lehre? Wo sind die Besonderheiten der jeweiligen Tradition zu finden? Was sind die modernen Irrwege der buddhistischen Interpretation? Welche Bestandteile der Lehre sollten in dieser Epoche besonders hervorgehoben werden?

Die spannende Frage ist nun: Wie wollen wir den Buddhismus in den kommenden Jahrzehnten interpretieren, damit er den globalen Herausforderungen gerecht wird? Auf welche Lehrreden setzen wir einen Fokus? Es macht schließlich einen Unterschied, ob wir unsere Zeit damit verbringen über Wiedergeburt zu diskutieren oder uns überlegen, wie man den Dharma in das Finanzsystem trägt. Irgendwelche Ideen?

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