Unsere unvollkommene Sicht der Dinge

Ein bekanntes Gleichnis des Buddha erzählt von einer Gruppe von Blinden, die in völliger Dunkelheit einen Elefanten untersuchen. Sie haben die Aufgabe zu verstehen, um welches Tier es sich dabei handelt. Da jeder der Blinden einen anderen Körperteil untersucht, kommen sie zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Als sie anschließend befragt werden, wie denn nun ein Elefant beschaffen sei, kommt es zu Aussagen wie zum Beispiel „wie ein Kessel ist ein Elefant“, oder „wie eine Stange ist ein Elefant“, „wie ein Besen ist ein Elefant“.

Natürlich haben die Blinden in gewisser Weise Recht mit dem, was sie erfühlen. Sie erfassen tatsächlichen einen Teil der Realität. Der eine Blinde betastet einen Elefantenfuß und kommt zu dem Schluss, ein Elefant müsse wie ein schwerer Baumstamm beschaffen sein. Ein anderer befühlt den Rüssel und entdeckt die Beschaffenheit einer Schlange. In gewisser Weise haben Beide Recht - aber eben nur teilweise.

Letztendlich ergeht es uns genauso wie diesen Blinden. Auch wir sind in der Lage die Welt zu erfassen und zu verstehen. Doch nur selten gelingt es einem Menschen, das ganze Bild zu sehen. Der Buddhist und integrale Denker Ken Wilber stellte fest, dass einerseits alle möglichen Ansätze, Meinungen und Theorien eine Wahrheit enthalten, andererseits diese jedoch auch Teil einer größeren Wahrheit sind. Wir alle haben durchaus Recht mit dem was wir sehen - wir sehen eben nur nicht alles. Aus diesem Grund gibt es scheinbar widersprüchliche Positionen, die jedoch verschwinden, wenn uns klar wird, wo und wie diese widersprüchliche Position einzuordnen ist. Es ist demnach eine Frage der Perspektive, wie und warum wir Dinge als Richtig oder Falsch bewerten. Sind wir in der Lage, unsere Perspektive, also unsere Sicht auf den Elefanten so zu erweitern, dass wir das ganze Tier wahrnehmen können, werden wir auch unsere gewohnten Denkmuster von richtig und falsch, von Gut und Böse grundsätzlich überdenken können. 


Ein Beispiel aus der Psychotherapie soll das verdeutlichen: Jahrzehntelang tobte in der psychotherapeutischen Szene ein heftiger Konflikt darum, wer denn die beste Therapie anzubieten hätte. Die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie standen sich antagonistisch gegenüber und waren sich nicht wirklich wohlgesonnen. Die Psychoanalyse wetterte, dass die Verhaltenstherapie die Menschen wie konditionierte Roboter behandelte und keinerlei Rücksicht auf die komplizierten inneren Dynamiken eines Menschen nahm. Die Verhaltenstherapie schoss zurück, dass ein mehrjähriges Wühlen in den Schatten der eigenen Vergangenheit nichts grundlegend veränderte und verwies auf beeindruckende Studien, die die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie bestätigte. Heute wissen wir jedoch, dass beide Therapien ihren Sinn haben und dass beide Therapien wissenschaftliche Ergebnisse ihrer Wirksamkeit aufweisen können. Die Psychoanalyse erkennt, dass wir Menschen ein „inneres Ich“ besitzen, dass durch die Kindheit massiv geprägt und geformt wird und das entschieden unser Verhalten prägt. Die Verhaltenstherapie hingegen erkennt, dass wir unser Verhalten durch gezielte Techniken ändern können und damit auch unser Innenleben regulieren können. 
Neuere und ganzheitlichere Therapieformen integrieren nun sowohl psychoanalytische wie verhaltenstherapeutische Elemente in ihre Arbeit. Doch damit nicht genug. Da wir als Menschen auch in Strukturen und soziale Systeme eingebettet sind, integriert eine ganzheitliche Therapie heute zudem auch strukturell-systemische Ansätze und trainiert soziale Kompetenzen. Und auch die Beziehungsfähigkeit liegt heute im Fokus einer zeitgeistigen Therapie, indem sie Elemente der Gruppentherapie oder der Familientherapie zu beherbergen weiß.

Wir sehen - alle haben Recht, aber nur teilweise. Eine ganzheitliche Perspektive schafft es also, uralte Grabenkämpfe aufzulösen, indem sie auf die partielle Wahrheit jeder Einsicht hinweist, oder wie es Ken Wilber formuliert: „Niemand ist so brillant, sich vollständig zu irren.“


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