Buddhismus, Revolution und der ganze Rest

Letzten Sommer ging ich an einem lebensgroßen Poster von Lady Gaga vorbei, die sich deutlich sichtbar die Arme geritzt hatte. Es war wohl für sie die richtige Art für ihre neue CD zu werben, doch ich frage mich,was in anderen jungen Frauen vorgeht, wenn diese sich entschließen (müssen), Lady Gaga als kulturelles Rollenvorbild zu akzeptieren?

Wenn wir die Inhalte unserer Kultur betrachten, kommt man nicht umhin das Fehlen einer tieferen  spirituellen Dimension zu bemerken. Hauptsächlich geht es in unserer Welt darum, sich mit der sichtbaren, oberflächlichen Welt auseinanderzusetzen. Niemand erwartet von MTV oder RTL eine geistreiche Unterhaltung. Und niemand glaubt daran, durch das Tragen von Adidas Schuhen, einer Armani Jeans oder einer Dolce & Gabana Bluse eine tiefere Dimension des Seins zu erfahren. Auch der moderne Urlaub ist zumeist nur darauf ausgerichtet, oberflächliche, sinnliche Erfahrungen zu machen. Strand und Sonne in Mallorca, eine malerische Idylle in Dänemark, Pokern in Las Vegas... einzig der Kontakt mit der materiellen Oberfläche besitzt für den postmodernen Menschen einen Wert.

Diese völlige Ignoranz von spirituellen Erfahrungen führt zu einer Verflachung der Welt, etwas, dass der amerikanische Buddhist und Philosoph Ken Wilber Flachland nennt. Er meint damit die vorrangige Beschäftigung mit der flachen Welt und ihren „sichtbaren“ Dingen. Die ganzen „unsichtbaren“ Dinge, wie etwa Meditation oder Kontemplation kommen im Flachland nicht vor. Flachland-Menschen reduzieren den Buddhismus auf eine goldene Statue und einer oberflächlichen Rezitation von Mainstream-Mantras. Nichts hat Substanz, nichts erfordert Tiefe. 

Um jedoch ein nachhaltiges Gleichgewicht zu erreichen, müssen wir eine Sicht auf die Welt entwickeln, die der momentanen Komplexität angemessen ist. Es scheint momentan so zu sein, dass die Mehrzahl der Weltbevölkerung nicht in der Lage ist, die Dinge so wahrzunehmen wie sie sind. Zudem ist sie auch nicht in der Lage, ihr Handeln dementsprechend zu verändern. Auch mein Verhalten gehört dazu. Meine Zahnbürste und mein Telefon, mein Duschbad und meine Trinkflasche. Alles Plastik, dass in wenigen Wochen irgendwo landet - zum Beispiel in den Weltmeeren, wo mittlerweile mehr als 200.000.000 Tonnen Plastik schwimmen. Meine Tomaten, Computer, Bücher und Spielzeuge werden über mehrere Kontinente geflogen, was letztendlich dazu führt, dass bis zum Jahre 2030 eine Verdreifachung der Kohlendioxid-Belastung zu erwarten ist. 

Fakt ist, dass wir uns heute Herausforderungen stellen müssen, auf die wir nicht ausreichend vorbereitet wurden, die wir zum großen Teil selbst verursacht haben und die uns über den Kopf wachsen. Wenn wir jedoch als spirituelle Menschen in die Welt hinausgehen wollen, um wirklich einen konstruktiven Beitrag zur gesellschaftlichen Transformation zu leisten, müssen wir eine neue Kompetenz entwickeln, die der momentanen Komplexität gerecht wird. Wie könnte diese Kompetenz aussehen? 

Zuerst einmal ist es unglaublich wichtig, die verwirrende Komplexität der Welt zu erfassen und darauf aufbauend geeignete Möglichkeiten zu finden, damit umzugehen. Dazu benötigen wir eine Perspektive, die es uns ermöglicht, über unseren eigenen Tellerrand hinauszublicken. 


Was wir also brauchen ist eine Weltsicht, die es uns ermöglicht, das Chaos der Welt zu durchdringen. Denn erst durch eine erweiterte Perspektive sind wir in der Lage, die individuellen Bedürfnisse und Wachstumsmöglichkeiten der Menschen zu erkennen und zu fördern und zugleich das kollektive Wachstum und das gesellschaftliche Wohl im Auge zu behalten. Der ehemalige US Präsident Bill Clinton kommt zu dem Ergebnis - und vielleicht hat er da nicht unrecht -  dass die Rechte eines Individuum unbedingt einher gehen müssen mit einer Verantwortung für die Gemeinschaft. Sowohl Unternehmer als auch Einzelpersonen stehen demnach in der Pflicht, kollektive und individuelle Verantwortung zu übernehmen. 

Heute stehen wir an dem Punkt, an dem wir entdeckten können, dass der Buddhismus mehr ist als ein System spiritueller Entwicklung. Gerade im Westen wird der Buddhismus oftmals einzig als eine Form der spirituellen Praxis verstanden, die zu innerem Glück und Freiheit führt. Doch der Buddhismus bietet mehr! Er kann als Orientierung für ein gemeinschaftliches Leben betrachtet werden, da er durch seine Betonung der ethischen Faktoren die Basis eines neuen Miteinanders schaffen kann. Aus einer ganzheitlichen Perspektive heraus betrachtet ist es so, dass der Buddhismus in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens integriert werden kann. Sei es in der Kunst, durch Malerei, Musik und Literatur, oder der Architektur oder bei politischen Fragen - der Buddhismus ist in der Lage eine hilfreiche Perspektive zu bieten, die auf der Logik des Dharma beruht. 

Gerade in unserer Zeit, in der das klösterliche Leben keine wirkliche Option für viele von uns darstellt, bietet die Integration des Buddhismus in die alltagsnahen Bereiche des Lebens die Möglichkeit, ein ganzheitlich ausgerichtetes Leben zu führen. Anstatt in der Isolation der buddhistischen Sangha zu leben, besteht die Möglichkeit aus dieser Schattenexistenz heraus - und aktiv in die Gesellschaft einzutreten. 

Als eine Einbindung verstehe ich, dass der Buddhismus eine sozial engagierte Rolle einnimmt und es zu verstehen weiß, religiöse und spirituelle Aspekte zurückzuhalten, wenn dies angebracht ist. Es geht meiner Ansicht nicht darum, einzig den Fokus auf Erleuchtung und Meditation zu legen. Es geht auch darum, nachhaltige Wege des Miteinanders zu finden - sei es ein buddhistischer Kindergarten, eine würdige Art zu sterben, eine achtsame Wirtschaft zu etablieren oder einfach nur ein Ort des Trostes und der Offenheit zu sein. Die Bedürfnisse der Menschen sind so mannigfaltig und in dieser Zeit der globalen Krise fehlt es an allen Ecken und Enden an Institutionen, die sich mit diesen vielen Bedürfnissen auseinandersetzen. Wir Menschen sind heutzutage verunsichert, allein, isoliert, verängstigt und überfordert. Vor allem aufgrund der immensen Herausforderung der Globalisierung fehlt immer mehr Menschen der Überblick und ein tieferer Sinn in ihrem Leben. 

Genau an diesem Punkt kann der Buddhismus behilflich sein und den Menschen dienen - als eine Quelle der Kraft und Orientierung, als ein Haus des Miteinanders und des Füreinander, als eine Möglichkeit frei von religiösen und sozialen Herkünften friedlich einen gemeinsamen Weg einzuschlagen.


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