Der kulturelle Schatten frisst seine Kinder

Genau wie in der individuellen Perspektive gibt es auch bei der kollektiven Betrachtung ein Phänomen, dass wir als „Schatten“ bezeichnen können. Gerade in Deutschland ist uns bewusst, was es heißt, eine Vergangenheit zu haben. Die Taten unserer Väter beziehungsweise Großväter sind die Narben unseres kollektiven Bewusstseins. Diesem tiefen Schmerz, diesem unsäglichen Leid können wir nicht so ohne weiteres entkommen.


Die meisten Länder dieser Welt weisen Narben auf, die auf große Ungerechtigkeiten einer anderen Bevölkerungsgruppe gegenüber zurückzuführen sind. Unsere schmerzhafte Vergangenheit, die Zeit des Nationalsozialismus, liegt als tiefe traumatische Erfahrung in unserem kollektiven Bewusstsein. So ziemlich jeder unserer Eltern oder Großeltern hat eine schreckliche Kriegserfahrung durchlebt. Seien es die schlimmen Bombennächte, Vergewaltigungen oder die zahlreichen Tötungen - allein in unserem Land erlebten Millionen von Menschen schlimme Traumatisierungen, die sie ihr ganzes Leben lang begleiteten. Aufgearbeitet wurden jedoch nur die wenigsten Traumata. Über das Täterland Deutschland zog sich in den Jahrzehnten nach Kriegsende ein Mantel des Schweigens - es entstanden regelrechte Tabus, über die schlimmen Kriegserfahrungen zu berichten. 

Jede nachfolgende Generation ist nun von diesen Erlebnissen betroffen, auch wenn es ihr nicht bewusst ist. Psychologische Studien zeigen, dass schwerste Traumata dieses Ausmaßes „vererbt“ werden - sie werden sozusagen von einer Generation an die nächste weitergereicht, bis sie schließlich vollkommen aufgearbeitet und integriert sind. Solange dieser Prozess nicht hinreichend vollzogen ist, wird unsere Vergangenheit uns Kraft, Willen und Kreativität rauben - sei es im individuellen wie im kollektiven Bereich. Es ist meines Erachtens sehr wichtig, dass wir uns dem kollektiven Schatten widmen und die verstaubten Spinnweben in uns transformieren. Ein kollektiver Schatten raubt uns allen Energie und Lebensfreude, einfach weil da etwas unerledigtes auf uns wartet. Seit der Psychoanalyse wissen wir, dass Verdrängte nicht einfach verschwindet. Im Gegenteil lebt es weiter fort und versucht über neuen Wegen einen Kontakt mit uns herzustellen.

Ganzheitliche Spiritualität bedeutet deshalb eben auch eine konstruktive und heilsame Auseinandersetzung. Der Holocaust ist nicht einfach verschwunden - er lebt als "Energie" in unserem kollektiven Bewusstsein weiter. Heute sind wir nun an einen Punkt angelangt, an dem wir ohne Schuldzuweisungen die Wunden der Vergangenheit anschauen und transformieren können. Denn erst wenn wir mit unseren Ahnen ausgesöhnt sind, ist ein wirklicher Frieden in unserer Gegenwart möglich.


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