Die Übertragung traditioneller Inhalte in unsere westliche Kultur

Dāna bezeichnet eine Form des Gebens und gilt als eine der bedeutsamsten buddhistischsten Tugenden. Wenn wir heute eine buddhistische Veranstaltung besuchen, ist diese oftmals auf der Basis von „ dāna“, das heißt, jeder gibt soviel wie er kann und möchte. Der Hintergrund dieser Vorgehensweise liegt darin, dass man im traditionellen Kontext die Lehre des Buddha als unbezahlbar ansieht und demnach keine Gegenleistung dafür erwarten kann. Auch soll die Lehre jedem zugänglich sein und nicht an dem Besitztum eines Menschen scheitern. 

Wie jedoch zu sehen ist, kommt dāna aus einem völlig anderen kulturellen Raum, in dem es normal ist, zu geben. Das heißt, es ist Teil dieser Kultur religiöse oder spirituelle Formen materiell zu unterstützen. Doch das ist in unserer Kultur nicht der Fall und führt zu einigen Komplikationen. So zeigen buddhistische Lehrer wie zum Beispiel Jack Kornfield auf, dass Menschen, die für einen buddhistischen Kurs oder Workshop bezahlen, den Kurs intensiver durchleben, beziehungsweise den Kurs vollständig besuchen, während diejenigen Kurse, die auf dāna-Basis gegeben werden, sehr oft nicht hinreichend besucht oder vollständig absolviert werden. Auch sind viele buddhistische Institutionen nicht in der Lage, ihre Unkosten zu begleichen oder ihre Lehrer zu bezahlen, wenn sie auf dāna-Basis operieren. Vielfach wird nun versucht, diesen Umstand dadurch zu begegnen, indem ein Mindest-Dāna eingeführt wird oder durch formelle Eintrittsgelder zumindest die materiellen Unkosten beglichen werden, so dass nur noch der buddhistische Lehrer auf die Gunst der Praktizierenden angewiesen ist.


Ich frage mich, ob es wirklich wichtig ist, kulturelle Gepflogenheiten im Format 1:1 in den Westen zu transportieren? Wir dürfen nicht vergessen, dass die Regeln und Formen des ursprünglichen Buddhismus in einem kulturellen Feld geschaffen wurden. Sie sind nicht davon zu trennen. Aus diesem Grund benötigen wir im Westen vielleicht eine eigene Form, die unseren kulturellen Wurzeln entspricht. 


Interessant finde ich auch noch einen anderen Punkt: In vielen Interviews die ich mit langjährig Praktizierenden geführt habe, kristallisierte sich eines heraus: Jedes Mal wenn ich einen Praktizierenden gefragt habe, wie er das Prinzip „ dāna“ in sein Leben integriert hat, bekam ich eine rein materielle Antwort. Meistens bekam ich als Antwort, dass es sehr schwer ist, soviel Geld zu geben oder nichts für einen Kurs, beziehungsweise Workshop zu verlangen. Es kam heraus, dass sich sehr viele in der Pflicht sahen, so viele Kurse wie möglich umsonst zu geben, oder so viele Patienten wie möglich umsonst zu behandeln. Und das wiederum ist exakt der Punkt: Wir leben in einer materiellen Gesellschaft und interpretieren den Buddhismus oftmals auf einer materiellen Basis. Denn Dāna heißt ja nicht, du sollst einzig Geld und Workshops spendieren. Dāna bedeutet mit dem Herzen zu geben: ein Lächeln, dem Nachbarn den Einkauf die Treppen hoch zu tragen oder einem Igel über den Winter zu retten. 


Der Meditationslehrer Wilfried Reuter formulierte das in einem gemeinsamen Interview so: „Es geht darum sich zu sammeln und sich zu verbinden, um aus der Isolierung und Selbstzentrierung heraus zu gehen. Und im Alltag ist  es immer hilfreich, sich auf die Struktur des Dharma zu besinnen. Was haben wir gehört? Wenn jemand zum Buddha gekommen ist und eingeführt werden wollte, was hat er als erstes gelehrt? Nicht die Meditation, sondern Dāna. Also würde ich sagen, kümmere dich darum, wo zu helfen. Also nicht nur hinsetzen und konsumieren, sondern selber aktiv werden, für andere etwas tun. Kauf für jemanden ein oder kümmere dich um die Kinderbetreuung oder mach Babysitting für umsonst. Also mach was für andere.“


Mein Fazit: Dāna in einem fremden kulturellen Kontext anwenden zu wollen, ohne sich darüber bewusst zu sein, wie sehr die eigenen materiellen Konditionierungen uns dabei prägen, kann zu großer Verwirrung führen. 



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