Keine Angst vor den Schatten des Lehrers

Wenn wir uns entschließen, Zuflucht zu einem buddhistischen Lehrer zu nehmen, projizieren wir nicht selten alles Gute und Heilige in diesen Menschen. Schließlich erwarten wir - bewusst oder unbewusst - dass dieser Lehrer, oder diese Lehrerin in der Lage ist uns zu sagen, was wir an unserem Punkt der Entwicklung gerade so brauchen. In vielen Traditionen wird der spirituelle Lehrer verehrt und geehrt. Es ist in nicht wenigen Fällen ein Rollenmodell, in dem der Lehrer als perfekt und unantastbar gesehen wird. Man kommt in diesem Modell überhaupt nicht auf den Gedanken den Lehrer zu kritisieren oder zu hinterfragen.

In unserer Gesellschaft funktioniert dieses Modell anders. Denn für das alte Rollenmodell des „perfekten Lehrers“ braucht es einen monastischen Hintergrund, also eine Kultur, in der das Zusammenleben bis in das kleinste Detail geregelt ist. In der westlichen Gesellschaft erfährt der Lehrer oder die Lehrerin eine andere Ausbildung, als zum Beispiel ein klassischer Rinpoche. Zudem ist er auf eine Art und Weise mit der Welt konfrontiert, die im traditionellen Kontext nicht gegeben ist. 

Der „normale“ buddhistische Lehrer im Westen muss sich neben seiner Lehrtätigkeit auch mit finanziellen Herausforderungen, dem alltäglichen Umgang mit nicht-spirituellen Menschen und in vielen Fällen auch einer Familie auseinandersetzen. Dazu kommt noch, ständig mit den Bewunderungen und Verehrungen vieler Sangha-Mitglieder konfrontiert zu werden. Man muss schon wirklich sehr fest im Dharma-Sattel sitzen, um sich nicht von andauernden Schmeicheleien und Verehrungen beeinflussen zu lassen, beziehungsweise sich an diesen Umstand zu gewöhnen. 

Von Zeit zu Zeit tauchen Berichte auf, in denen geschildert werden, wie erfahrene und Dharma-erprobte Lehrer sich auf Affären mit jüngeren Frauen einließen. Erfahrungen wie diese erschüttern spirituelle Gemeinschaften, sowie viele Familien und Praktizierende. Skandale besitzen die Macht, Gemeinschaften zu zersplittern. Es ist für viele Menschen ohnehin schon Anstrengung genug, sich offen für eine spirituelle Praxis in einer säkularisierten Gesellschaft zu entscheiden, beziehungsweise zu bekennen. Wenn diese Gemeinschaft negativ wahrgenommen wird, kann das zerstörerische Auswirkungen haben.

Wir brauchen also einen gesunden Umgang mit den Schattenseiten unserer Lehrer und Lehrerinnen. Auch wenn sie profunde Kenner des Dharma und Meister der Meditation sind, heißt das nicht automatisch, dass sie in anderen Bereichen des Lebens ebenso versiert sind. Die Integration zeitgemäßer Richtlinien kann uns helfen, Frieden und Stabilität in unserer Gemeinschaft zu entwickeln. Als Praktizierende sollten wir durchaus wachsam sein, wenn wir Teil einer Sangha sind, in der nicht offen über den möglichen Schatten des Lehrers oder der Lehrerin kommuniziert werden kann. Du kannst dich dabei auf dein Gefühl verlassen. Ist es authentisch, was du erlebst? Spürst du Ungereimtheiten, die sich selbst durch ein Gespräch nicht klären lassen?


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1 Kommentar:

  1. Der Betrag gefällt mir sehr gut. Mir fällt dazu ein, dass da jedoch wohl oft "eigene Schatten" sind, welche diesen achtvollen Umgang mit den Schatten des Lehrers verhindern. Insofern ist einen ergänzende Praxis bzw. Reflexion mit anderen Menschen (evtl. professionelle) oft sinnvoll...

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