Sein und Werden - warum spiritueller Aktivismus jetzt gefragt ist

Alan Wallace, ein angesehener Meditationslehrer und buddhistischer Autor, benennt den Materialismus als Hauptproblem unserer Zeit. Seiner Ansicht nach liegt die Lösung der Probleme unseres Zeitalters darin, die Weisheit der Traditionen neu zu entdecken und zu lernen, unsere eigenen inneren Ressourcen anzuzapfen, anstatt sich in einer konsumistischen Äußerlichkeit zu verlieren. Viele Menschen im Westen leiden an einem sinnentleerten Dasein, in dem Konsum, Macht und Sex die einzige gesellschaftliche Orientierung darstellt. Auf die Frage, ob wir den aktuellen Problemen wie Klimaerwärmung, Hunger, Armut und Umweltzerstörung mit Engagement und Aktivität begegnen sollen, antwortet Wallace, dass Aktivität ohne Meditation lediglich eine weitere Art der Äußerlichkeit darstellt, denn „der Geist, der etwas tut, ist beherrscht von Ego, von Greifen, Aggression und anderen Emotionen.“ Das ist die eine Seite!

Die andere Facette zeigt sich in der Erkenntnis, dass wir die Errungenschaften des Westens nicht verteufeln oder ignorieren sollten. Der westliche Mensch befindet sich auf der geistigen Suche nach dem Ich, dem Selbst, der eigenen Identität. Diese Suche brachte in den letzten Jahrhunderten bemerkenswerte Blüten hervor, die für unser Leben von entscheidender Bedeutung sind. So ist es für uns ganz selbstverständlich, in einer Demokratie zu leben, in der Männer und Frauen, aber auch Homosexuelle, dieselben Rechte besitzen. Die Würde des Menschen ist heute allgemein anerkannt und wir sind gegen irrationale Anfeindungen, wie sie zum Beispiel von religiösen Institutionen wieder Kirche kamen, gefeit.
Wenn wir eine übergeordneten Blickwinkel einnehmen, sehen wir, dass wir es hier mit zwei scheinbar gegengesetzten Lebensauffassungen zu tun haben:
  •  Die westliche Kultur setzt sich für den Wert und die Freiheit des Ich ein. Zentrale Themen sind in diesem Kontext die Einführung der Menschenrechte und Gleichberechtigung, aber auch der Selbstfindung und die Betonung der Individualität. Der Westen besitzt somit viele Werte und Eigenschaften, die den Buddhismus bereichern und vervollständigen können. Durch viele namhafte Forscher wie etwa Maslow, Holzkamp, Wilber und Seligman wissen wir heute, dass der Mensch darauf ausgerichtet ist, sich selbst zu entfalten und zu entwickeln.

  •  Die östliche Kultur steht hingegen für das Aufgehen im Kollektiv, das Ruhen im Sein, die Einheit mit dem Namenlosen, Unvergänglichen, Ungeborenen. Der Osten weist auf das Absolute und entwickelte zahlreiche Wege, um diese letzte Wahrheit zu ergründen und zu erlangen. So schenkte die östliche Kultur der Welt zum Beispiel den Yoga, aber auch erleuchtete Menschen wie Ramana Maharshi, den Buddha oder Sri Aurobindo.
Während der Osten also auf die Nondualität hinweist und Wege entwickelt, diese letzte Wahrheit zu ergründen, weist der Westen auf den Umstand hin, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben und das niemand aufgrund seiner Geburt bevorzugt werden sollte. Ich finde das einen interessanten Gesichtspunkt. Schließlich trennen wir nur allzu oft diese beiden Aspekte. Entweder Aktion oder Meditation. Entweder Occupy-Bewegung oder buddhistisches Zentrum. Entweder Straßenprotest oder stille Versenkung. 

Was jedoch, wenn wir diese beiden Dinge zusammenführen? Meditation allein wird diese Welt nicht entscheidend verändern. Unsere Energie der Achtsamkeit strömt nicht als magische Substanz aus unseren Meditationszentren und reinigt die Menschen von ihrer Gier und ihrer Unwissenheit. Und Aktion alleine wird die Welt lediglich weiter und weiter in den samsarischen Kreislauf treiben. Aktion ohne innere Transformation packt das Problem nicht an der Wurzel. Darum brauchen wir beides: Die rechte Sicht, die sich durch Meditation verwirklicht und den Willen konkret Dinge in der Welt verändern zu wollen.

Heute stehen wir an einem Punkt in der Geschichte, an dem die Vereinigung der westlichen und östlichen Welt dazu beitragen kann, ein neues Bewusstsein in unserer Gesellschaft zu integrieren. 
Wir können SEIN und gleichzeitig WERDEN, wir müssen uns nicht für eine der beiden Positionen entscheiden. SEIN bedeutet, das Ruhen im Ungeboren, Ungesagten, während das WERDEN gleichzusetzen ist, mit den Aktivitäten auf dieser Welt. Übersetzt auf die Achtsamkeitspraxis bedeutet das, dass wir uns in der Kunst der Achtsamkeit üben und anschließend mit dieser Energie in die Welt gehen können. Achtsames Handeln ermöglicht es uns präsent zu sein und zu bemerken, wenn wir emotional oder gedanklich „festsitzen“. Achtsamkeit hilft uns dabei unangemessene Handlungsimpulse zu spüren. In der Kommunikation kann das bedeuten, dass wir uns vermehrt über Wesentliches austauschen und besser zuhören lernen mit einem wirklichen Interesse an unserem Gegenüber. 

Wir können als helfende Menschen in die Welt gehen und ich bin der Meinung, wir müssen sogar als helfende Menschen unsere Orte der Stille verlassen, um heilsame Impulse in das Weltgeschehen geben. Durch die Entwicklung positiver Geisteszustände, wie Vertrauen, Gelassenheit und Klarheit, entwickeln wir schließlich eine Form von Souveränität, die es uns ermöglicht, radikale Eigenverantwortung zu übernehmen. Mittels dieser radikalen Eigenverantwortung können wir in die Gesellschaft gehen und Orientierung geben. 


_()_

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen