Spirituelle Verwechslungen in der Postmoderne

Bei vielen spirituell orientierten Menschen herrscht eine starke Ablehnung gegen alles Rationale vor. Es ist eine ängstliche Ablehnung gegen die Vernunft, da die rationale Welt mit all dem Schrecklichen das gerade in der Welt passiert, gleichgesetzt wird. Ein rationaler Mensch ist für einen traditionellen Praktizierenden zum Beispiel jemand, der die Lehre verwässert, da er auf unangemessene Weise die Lehre hinterfragt und Dinge verändern will. 
Vor einiger Zeit kam eine junge Frau in meine Coaching Praxis, um an ihrer künstlerischen Karriere zu arbeiten. Bevor wir jedoch mit dem Prozess begannen, fragte sie mich, ob sie nach dem Coaching noch ein Künstler sein könne oder ob sich durch das Coaching herausstellen könnte, das sie lediglich als Supermarktverkäuferin berufen sei. Das fragte sie mich voller Ernst. Sie dachte, wenn sie sich ihren inneren Herausforderungen stellt, wird sich herausstellen, dass sie gar keine Künstlerin ist, sonder nur ein normaler Mensch, der Bohnendosen in Regale einräumt. 
Dies ist exakt die Angst des mythischen Bewusstseins vor dem Sprung in das rationale Bewusstsein.

Viele Menschen glauben, dass wir aus einem göttlichen Zustand der Gnade herausgefallen sind und jetzt alles dafür tun müssen, wieder in diesen Zustand zu gelangen. So wie die Vertreibung aus dem Paradies, in das es zurückzukehren gilt. Sigmund Freud hat dies ganz richtig als Regression erkannt. Das Bedürfnis in den Einheitszustand zurück zu kehren ist aus dieser Perspektive tatsächlich ein regressiver Wunsch, zurück in den Mutterleib zu kriechen. Freud irrte sich hingegen, als er jedes spirituelle Sehnen als einen Regressionsdrang erklärte. Und das ist ein wichtiger Punkt für die spirituelle Entwicklung. Wir können nämlich feststellen, dass es eine heilsame und eine nicht-heilsame Art gibt, mit der wir uns spirituell ausrichten können:

Die nicht-heilsame Form sehnt sich nach der Sicherheit des Mutterleibes. Erleuchtung ist demnach das Wiedererlangen eines verloren gegangenen Zustand. „Kuck dir nur die Kinder an, dass sind ja alles kleines Buddhas“, ist eine typische Sichtweise dieses Verständnisses. Wer jedoch Herr der Fliegen gelesen hat, weiß, wie es um die kleinen Buddhas bestellt ist. Kinder sind aus psychologischer Sicht, erst einmal damit beschäftigt, ein eigenes Selbst aufzubauen. Sie befinden sich auf einer prä-rationalen Bewusstseinsstufe, das heißt, sie sind nicht in der Lage, die Dinge logisch zu durchdenken, sondern sind geprägt von einem mythischen und irrationalen Weltbild.
Diese ungesunde Form des mythischen Glaubens ist bei Buddhisten zu erkennen, wenn sie an etwas glauben, nur weil es die Tradition verlangt, wie zum Beispiel den Ausschluss von Frauen aus Klöstern.
Die heilsame Form dagegen sucht das Heil nicht in der Bewegung rückwärts, sondern nimmt die Rationalität mit auf die Reise. Der Geist ist zwar irrational, wenn man so will, aber eben nicht prä-rational sondern transrational. Spirituelle Entwicklung schließt die Rationalität mit ein, anstatt sich ihr zu verweigern. Man verlässt sich nicht mehr nur auf das Wort eines Lehrers, sondern überprüft auch dessen Rede. 

Warum ist aber die Rationalität so wichtig? Die integrale Psychologin Mirjam Warmuth versteht es so, „dass die Entwicklung rationaler Fähigkeiten wie ein kognitiver „Filter“ wirkt, der den Zugang zum Erleben subtiler und kausaler Bereiche zeitweise ausblendet. Warmuth zufolge haben Kinder und auch Naturvölker eine natürlichen Zugang zu den subtilen Erfahrungsbereichen, dies verändert sich mit dem Erwachsenwerden bzw. mit dem Fortschreiten der vertikalen Entwicklung hin zu einer rationalen Bewusstseinsebene. Dort werden die subtilen und kausalen Seinsbereiche zeitweise ins Unbewusste verschoben, und können nur durch veränderte Bewusstseinszustände (Gipfelerfahrungen) beziehungsweise eine kontinuierliche meditative Praxis erfahren werden. 
Mit Fortschreiten der Entwicklung hin zum transrationalen Bereich werden die Bereiche schließlich wieder zugänglich, da der kognitive Filter bzw. das rational ausgerichtete Denken zunehmend transzendiert wird, und dadurch wieder Raum für ein umfassenderes Gewahrsein der Seinsbereiche entsteht. Hierdurch lässt sich nach Wilber erklären, weshalb Menschen auf der höheren Ebenen der Entwicklung wieder von spirituellen Erfahrungen berichten, die jedoch nun bar aller religiösen Mythen und Deutungen sind, und als reine „Seinserfahrungen“ beschrieben werden. 
Durch dieses Modell lässt sich auch erklären, weshalb Menschen auf der rationalen Ebene prärationale und transrationale spirituelle Erfahrungen gleichermaßen als „Nonsense“ abtun. Zum einen haben sie meist keinen willentlichen Zugang zu diesen Bewusstseinserfahrungen, und daher keine Möglichkeit, zwischen prä- und transrationalen spirituellen Erfahrungen zu unterscheiden, sie erscheinen beide gleichermaßen als „nicht-rational“. Zum anderen hält „der Verstand“ die Möglichkeit einer solchen Erfahrungen für unwirklich und irrational.“
Zusammenfassung
  1. Es gibt eine prä-rationale Spiritualität, die sich in der Regel an die überlieferten Worte hält und einen Zugang über mythische Erfahrungen sucht. Postmoderne Erscheinungen dieser Form finden wir in Filmen wie „Bleep“ oder „the secret“. 
  2. Es gibt eine rationale Spiritualität, die ihre Praxis auf dem Boden der Verstand gründet und in der Regel lediglich sogenannte „Gipfelerfahrungen“ erfährt. Postmoderne Erscheinungen dieser Form finden wir in der modernen Achtsamkeitspraxis nach Jon Kabat-Zinn.
  3. Es gibt eine trans-rationale Spiritualität, die den Verstand mit einbezieht, dennoch über ihn hinauswächst. Postmoderne Erscheinungen dieser Form finden wir in der Integralen Spiritualität, aber auch in den gesunden und ganzheitlichen Formen des Buddhismus, des Yoga oder des Advaita.

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