Der innere Kreis unserer Spiritualität

Alle Religionen verbindet - und der Buddhismus macht da keine Ausnahme -, dass sie ihre Lehren in esoterische und exoterische Aspekte aufteilen. Unter exoterischen Formen versteht man die äußeren Phänomene einer Religion, also ihre Gottheiten und Dogmen oder ihre Vorstellungen von Himmel und Hölle. Die esoterischen Formen hingegen legen ihren Fokus auf die innerlich erfahrbaren Phänomene, wie etwa mystische Erfahrungen oder meditative Zustände.
  • Exoterisch bedeutet unter anderem, vorbehaltlos den Ausführungen seiner Lehrer zu glauben, auch wenn sich nicht überprüfen lässt, ob er die Wahrheit gesprochen hat. In einem Workshop erzählte etwa ein buddhistischer Meister, dass wir Menschen schon alle erdenklichen Formen der Existenz durchlaufen haben. So waren wir alle einmal Weltherrscher, die die gesamte Menschheit vor ihrem Untergang retteten. Aus diesem Grund, so seine Argumentation, macht es keinen Sinn, sich in den Aktivitäten der Welt zu verlieren, da alles nur eine große Illusion sei. Genau dieser Punkt wird häufig einfach missverstanden. Wenn wir aus diesem Grund als Praktizierender es ablehnen, aktiv in die Welt zu gehen um Verantwortung für diesen Planeten zu übernehmen, dann ist dies meiner Ansicht nach eine nicht-heilsame exoterische Interpretation dieser Lehre. Letztendlich können wir nicht darauf vertrauen, dass die überlieferte Wahrheit dieses Lehrers tatsächlich die realem Begebenheiten widerspiegelt. Vielleicht kann diese Aussage nur im Kontext der tibetischen Kultur verstanden werden - in einer Kultur also, die auf mythischen Parabeln und Geschichten fußt. Viele westliche Buddhisten übernehmen vorbehaltlos die Erzählungen ihrer traditionellen Lehrer. Buddha erkannte meiner Ansicht nach, diese natürliche Neigung, kritiklos Dinge von anderen Menschen anzunehmen und gab uns in dem bekannten Sutra „Rede an die Kalamer“, den Rat, nicht „nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters“ zu gehen. Stattdessen sollten wir selber erkennen: „Diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von den Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl', dann möget ihr sie euch zu eigen machen.“

  • Die heilsame Seite der Spiritualität erfahren wir in der esoterischen, also der inneren Form. Dabei geht es hier um das Erwachen des Menschen und nicht darum, an etwas zu glauben. Der Kern aller buddhistischen Formen dreht sich um die Praxis der Kontemplation und Meditation. Jede der Traditionen findet dabei verschiedene Wege, um auf den Berg der Erleuchtung zu kommen. Dabei verbindet alle Traditionen das Wissen um das Nicht-Selbst , sowie die transformierende Kraft der Meditation. Verwirklichte Meister wie Gendün Rinpoche, Ayya Khema oder Thich Nhat Hanh vermitteln in ihren Büchern einen eindringlichen Geschmack des Erwachsens. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer verschiedenen Traditionen, sind sie sich doch alle einig darüber, dass wir die Erleuchtung „in uns“ finden, indem wir durch kontinuierliche Praxis unsere Schleier der Unwissenheit entfernen.
Eine zeitgenössische Spiritualität zu leben und zu praktizieren, bedeutet, sich nicht vom mystischen und mythischen Gepäck der Traditionen verwirren zu lassen. Vielmehr geht es darum, in den Kern an sich zu dringen. In deinen Kern, der dir jederzeit offen steht.


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