Die große Umarmung der Bodhisattvas

"Wenn man nachts träumt und Tausende von Menschen verhungern, dann gibt es zwei Möglichkeiten, wie man ihren Hunger beenden kann. 


Ein Weg ist, ihnen allen – im Traum – Nahrung zu geben. Der zweite Weg ist aufzuwachen, und das beendet ihr Leiden sofort. Und beides ist richtig und wahr. Und mit beidem zu spielen ist so außerordentlich. 

Ich denke es gibt zwei große Archetypen der erwachten Seele auf diesem Planeten, und sie beide sprechen sehr deutlich zu uns, und ich möchte nicht sagen dass einer zum Osten und der andere zum Westen gehört, man kann sie auf beiden Seiten finden. Der eine ist – klassisch – der erwache Buddha der im Frieden ist, und einen Weg gefunden hat, das Rad des Leidens zu verlassen. Der Andere ist die Christusfigur, der die Schnittmenge zwischen dem Menschlichen und den Göttlichen erkannt hat, und unter dieser Erkenntnis gewaltig leidet. Der Inbegriff der Wahrheit dieser Schnittmenge ist die Passion, das Leiden am Kreuz. Ich finde es sehr interessant, dass es „Passion“ genannt wird, also Leidenschaft, denn man leidet leidenschaftlich bei allem Leid was erscheint, es reißt einen in Stücke. 


Das Bodhisattva Gelübde besteht nun darin, sich diesem Leiden zu stellen ohne sich jemals von ihm abzuwenden. Und: es tut mehr weh, und es belastet einen weniger - die große Vollkommenheit die darin liegt - und beides ist wahr. Es ist sehr sehr wichtig beides zu würdigen."




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Text: Ken Wilber
Übersetzung: Michael Habecker und Hanna Hündorf