Die spirituelle Ästhetik meines Meditationskissens

Nach Ponlop Rinpoche stehen wir als buddhistisch Praktizierende heute vor einer anderen Situation als noch vor 50 Jahren. Damals ging es darum, den Buddhismus kennenzulernen und in den Westen zu transportieren. Viele neue Begriffe wie „Leerheit“ oder „Nicht-Selbst“ mussten kennengelernt und verstanden werden. Es war eine inspirierende und aufregende Zeit, in der viele innere Barrieren überwunden wurden. 


Doch jetzt erleben wir das Phänomen, dass viele Sanghen und Praktizierende in ihrer Entwicklung festsitzen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte kam es regelrecht zu einer großen Anhaftung an die äußerlichen Formen des Buddhismus. In gewisser Weise wurde die Spiritualität getrennt in heilige Formen, wie etwa buddhistische Kleidungsstücke, Accesoires oder Meditationsräume und in unheilige Formen, wie beispielsweise der banale und anstrengende Arbeitsalltag oder der tägliche Einkauf. Aus diesem Grund ist es heute ein wichtiger Schritt für die buddhistische Gemeinschaft, mit dieser Anhaftung zu brechen und den Sprung in eine neue Entwicklung zu wagen. Dzogchen Rinpoche argumentiert, dass der Buddha selbst nur auf einem Kissen aus Gras unter einem Baum im Wald saß und nichts weiter tat als seinen Geist zu betrachten. Verglichen damit hängt der westliche Praktizierende mittlerweile zu sehr an einer äußeren „Praxis-Atmosphäre“. Anstatt in der Natur seinen Geist zu erforschen, so Ponlop Rinpoche, denkt der westliche Schüler:
„Ich brauche ein japanisches Zafu oder ein tibetisches Gomden, jene standardisierten Sitzkissen mit den korrekten Abmessungen, aber von einem offiziell approbierten Meditationsausstatter, bitte sehr. Ohne sie kann ich nicht meditieren!“
Eine zeitgenössische Spiritualität zu leben und zu praktizieren, bedeutet, sich nicht vom mystischen und mythischen Gepäck der Traditionen ablenken zu lassen. Es geht nicht darum, herauszufinden wie ein Buddhist auszusehen hat und auch die Form und Farbe unserer Sitzkissen ist nicht entscheidend. Vielmehr geht es darum, eine lebendige Form des Buddhismus zu praktizieren, die sich mit unserem westlichen Lebensstil verbindet. Ponlop Rinpoche rät uns sogar, die ganze Identität als „Buddhist“ über Bord zu werden, um wirklich wieder an den Kern der Lehre zu gelangen. Warum nicht in einfachen, weiß gestrichenen Räumen sitzen und meditieren - ohne goldene Statuen, flackernden Kerzen und glimmenden Räucherstäbchen? Auf diese Weise können wir eine eigenständige Dharma-Kultur entwickeln, die die Nöte und Herausforderungen des westlichen Lebensstils miteinbezieht.


Buchtipp: Dzogchen Ponlop Rinpoche. Rebell Buddha.


_()_

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen