Meditation über Leerheit. Von Khenpo Tsültrim Gyamtso Rinpoche.

"Instinktiv identifizieren wir uns mit unserem Körper und unserem Geist. Obwohl unsere ganze Vorstellung von diesem "Selbst" und von "mein" äusserst vage und verwirrt ist, haften wir emotional sehr stark an diesen an. Sind wir krank, so sagen wir beispielsweise: »Ich bin krank«, und dennoch äussern wir im nächsten Atemzug: »Mir tut nämlich der Kopf weh«. Aber was meinen wir damit? Wollen wir damit sagen, dass das "Ich" eine Sache ist und der Kopf eine andere? Oder sind wir der Meinung, dass der Kopf das "Ich" ist? Mit diesen sehr gängigen, gewöhnlichen Vorstellungen vom "Ich", und zwar vom "Ich", dem Handelnden, oder vom "Ich", dem Erlebenden, sollte man seine Untersuchung beginnen.

Stellen Sie sich beispielsweise vor, dass Ihnen Gliedmassen oder Organe entfernt oder transplantiert würden. Wenn man das Herz eines anderen verpflanzt bekäme, würde dieser Eingriff das "Ich" wirklich beeinflussen? Natürlich denken wir, dass das "Ich" (der Erlebende oder der Handelnde) nun ein neues Herz erhalten hat. Dabei stellt man sich aber nicht vor, dass in das "Ich" als solches ein neues Herz transplantiert wurde. Wie weit lässt sich dieser Gedankenprozess fortführen? Bei der Betrachtung der Körperteile und Organe wird ziemlich klar, dass das "Ich" eine separate Entität ist.

Doch wie steht es mit dem Gehirn? Angenommen, das Gehirn eines anderen Menschen würde einem in den Schädel verpflanzt werden. Würde dies das "Ich" beeinträchtigen? Man müsste sich fragen, ob "Ich" (der Erlebende oder der Handelnde) tatsächlich das Gehirn eines anderen gebrauchen und doch noch dieselbe Person bleiben könnte. Man müsste sich fragen, ob sich einige der Handlungen, die vom jetzigen "Ich" bestimmt werden, von den Handlungen des "Ichs" der Person, der das Gehirn entnommen wurde, unterscheiden liessen. Selbstverständlich kann man das Ergebnis einer derartigen Transplantation nicht wissen, falls sie überhaupt jemals vollzogen werden kann; doch unwillkürlich spüren wir, wie wichtig es ist, zu wissen, ob das "Ich" hierdurch beeinflusst werden könnte oder nicht.

Obwohl dies so wichtig erscheint, befinden wir uns immer noch im Unklaren darüber, was dieses "Ich" sein könnte. Man mag sich fragen, ob es vielleicht nur ein kleiner, lebenswichtiger Teil des Gehirns ist. Wenn man jedoch hierüber nachdenkt, kommt man zu dem Ergebnis, dass man emotional nicht an der Idee eines winzigen Mechanismus in den eigenen grauen Gehirnzellen haftet. Wenn diese Zellgruppe für all unser emotionales Anhaften verantwortlich wäre, dann wäre es doch leicht, sie zu entfernen und mit ihr alles Leiden. Weder brauchte das Dasein einen bestimmten Sinn, noch hätte das menschliche Leben einen besonderen Wert. Es gäbe keine Notwendigkeit, sich mit einem Dasein voll Leiden und Frustration herumzuplagen. Eine derartige Anschauung erscheint uns jedoch als gänzlich nihilistisch und erniedrigend. Das "Ich" fühlt, dass es eine grössere Bedeutung hat.

Das "Ich", an dem wir gefühlsmässig haften, scheint einen Schritt zurückzutreten und das Leben zu betrachten, indem es Erfahrungen einschätzt und wünscht. Leiden zu vermeiden. Wir erleben oder behandeln das "Ich" nicht auf die gleiche Art, wie wir mit einem Körperteil umgehen, zum Beispiel mit dem Gehirn. Unserem allgemeinen Wissen nach, das wir von anderen übernommen haben, befindet sich das Gehirn im Kopf. Physisch kann es lokalisiert, berührt und gemessen werden.

Es hat eine gewisse Beziehung mit dem Geist, denn sobald unser geistiger Zustand wechselt, kann oft eine Veränderung im Gehirn entdeckt werden. Jedoch was auch immer Wissenschaftler über das Gehirn herausfinden, über die Beziehung zwischen Geist und Gehirn können sie nur Teilaussagen machen. Sie können es sich anschauen, in es eindringen und messen, um Fakten über die Aktivität des Gehirns herauszurinden, doch wie wollen sie wissen, was der Geist erlebt, wenn er auf diese oder jene Art und Weise beschäftigt wird? Beispielsweise können sie in der Lage sein, etwas über die Stärke der Aktivität auszusagen, die in der einen oder anderen Region des Gehirns vor sich geht, wenn sich die Person die Farbe Rot vorstellt. Aber wie können sie wissen, dass die Person wirklich "Rot" erlebt? Die Person selbst kennt zweifellos die Natur ihrer Erfahrung. Sie mag sie rot nennen oder auch nicht. Sie mag sie vielleicht überhaupt nicht bezeichnen. Sie wird niemals wissen, ob jemand anders jemals irgend etwas in der Weise erlebt wie sie selbst, sogar dann, wenn jeder darin übereinstimmt, das Erlebnis, das er hat, mit demselben Wort zu bezeichnen. Wer anders als der Erlebende selbst kann wissen, wie er irgend etwas erlebt? Ein Wissenschaftler kann behaupten, das Gehirn funktioniert so, als ob es die Farbe Rot erleben würde, weil das Gehirn so reagiert, wie es immer reagiert, wenn Menschen Rot erleben. Wer wird wissen, ob sie in irgendeinem speziellen Fall recht haben oder nicht? Nur der Erlebende selbst kann dessen gewiss sein. Der Wissenschaftler beruft sich auf gut belegte Vermutungen. Gewisse Theorien werden als erwiesen angesehen, weil sie Ereignisse sehr gut zu erklären scheinen.

Der hauptsächliche gedankliche Vorstoss des Buddhismus hat jedoch mit Theorien nichts zu tun. Er baut auf Erfahrung. Er befasst sich insbesondere mit der Erfahrung vom Leiden. Der Buddhismus hat entdeckt, dass die Erfahrung vom Leiden stets mit einem starken emotionalen Haften an ein vages Gefühl von einem "Selbst" verbunden ist. Der Buddhismus wendet somit seine Aufmerksamkeit dieser starken emotionalen Reaktion zu, die mit der Empfindung einer Entität verbunden ist, und fragt danach, wie dieses "Selbst" tatsächlich erfahren wird. Wo wird das "Ich" erfahren?

»Im Gehirn« mag vielleicht die Antwort sein. Jedoch benötigt man keine Kenntnis über das Gehirn, um Leiden zu erfahren. Auch ein Kind oder ein Hund leiden. Sie haben keine Theorien über das "Selbst", doch ihr Verhalten deutet daraufhin, dass sie ein Gefühl von "Selbst" haben. Wenn sie es nicht hätten, warum würden ein Kind oder Hund, welche in dem einen Augenblick existieren, sich um Kind oder Hund sorgen, welche im nächsten Augenblick existieren? Sicherlich deshalb, weil das Kind oder der Hund des nächsten Augenblickes in ihrer Vorstellung unbewusst immer noch im gewissen Sinne "sie selbst" sind und verschieden von irgend jemand anderem. Sobald sie sich einer Gefahr für ihr Leben oder Wohlergehen ausgesetzt sehen, weichen sie davor zurück. Unbewusst denken sie, dass "sie" dieser Bedrohung entgehen und ihre Existenz irgendwo an einem angenehmeren Platz fortsetzen könnten; dies zeigt, dass sie das Gefühl besitzen, eine unabhängige Existenz zu haben.

Man könnte argumentieren, dass das Zurückweichen vor unangenehmen Reizen von lebenden Organismen niederer Formen einfach eine mechanische Reaktion sei, genauso wie sich Bäume im Wind wiegen. Das mag für primitive Lebensformen zutreffen, doch hat es keine Beziehung zu dem Problem des Leidens überhaupt. Wenn wir lediglich komplexe mechanische Einrichtungen wären, dann könnte man argumentieren, dass Leid - objektiv gesehen - keine Rolle spielen würde. Das wäre eine ausserordentlich verarmte Einstellung zum Leben und eine nicht sehr überzeugende.
Man könnte glauben, dass wir mit unserer Aussage, Leiden werde im Gehirn erfahren, eigentlich meinen, dass es im Geist erlebt wird. Da man (in der modernen westlichen Gesellschaft) automatisch annimmt, dass sich der Geist im Gehirn lokalisieren lässt, und da die eigene Vorstellung vom Geist sowieso sehr vage ist, scheint kein grosser Unterschied darin zu liegen, ob wir vom Geist oder vom Gehirn sprechen. Sie können jedoch nicht synonym sein, selbst wenn letztendlich entdeckt würde, dass sie vom gleichen Stoff oder von gleicher Natur sind. Um die Frage, was wir eigentlich unter Geist verstehen, kommen wir nicht herum. In unserem gewöhnlichen, alltäglichen Sprachgebrauch gehen wir damit äusserst vage und ungenau um. Es hat manchmal den Anschein, als ob wir uns mit unserem Geist identifizieren, beispielsweise mit der Aussage, glücklich oder traurig zu sein. Obwohl wir meinen, der Geist ist glücklich oder traurig, machen wir wirklich keinen Unterschied zwischen unserem "Selbst" und unserem Geist. Nichtsdestoweniger hören wir uns Dinge sagen wie: »Ich konnte meinen Geist nicht kontrollieren«. Gelegentlich äussern wir auch: »Ich konnte mich nicht kontrollieren«, so als ob man zwei "Selbst" besässe. Hier scheint es sich um den gleichen Mangel an Klarheit zu handeln, der uns einmal veranlasst, so zu sprechen, als ob das "Selbst" der Geist wäre, und das nächste Mal, als ob das "Selbst" den Geist besässe.

An diesem Punkt mag man versucht sein, damit zu beginnen, über die Natur des Geistes und über die des Selbst zu spekulieren. Vielleicht wird man ins Philosophieren geraten und über Aussagen wie: »Ich denke, also bin ich« nachdenken. Da jedoch »Ich bin« lediglich ein Gedanke ist, ist das Einzige, dessen wir wirklich sicher sind, die Erfahrung von Gedanken. Somit ist das einzige sichere Mittel, mit dessen Hilfe wir herausfinden können, um was es sich bei dieser Erfahrung wirklich handelt, sie so genau und leidenschaftslos wie möglich zu erleben. Folglich läuft die Vorgehensweise des Shravaka auf die Untersuchung von Erfahrung hinaus, und zwar, indem man sich ihrer in jedem Moment in hohem Masse bewusst ist."

Quelle: "Stufenweise Meditationsfolge über Leerheit." Von Khenpo Tsültrim Gyamtso Rinpoche.


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