Die fehlende Psychologie einer Liebenden-Güte-Meditation


Eines Abends in einem buddhistischen Zentrum, gab es nach einem Dharma-Vortrag die Möglichkeit, Fragen an die Lehrerin zu stellen. Eine Frau meldete sich und sprach über den Prozess ihrer Scheidung. Sie erzählte, wie schrecklich sie sich fühlte, wie sie nicht mehr einschlafen konnte und sie zudem mitten in der Nacht mit Alpträumen aufwachte. Zugleich fühlte sie eine ungeheure Wut auf ihren Mann. Sie musste sich eingestehen, dass sie mit ihrem Leben nicht mehr zurecht kam. Nach einer Weile antwortete die Lehrerin, sie solle sich während ihrer Meditation mehr mit der Herz-Energie verbinden. Sie empfahl ihr mehrmals täglich die Meditation der „Liebenden Güte“ zu praktizieren und ihrem Mann zu vergeben lernen. Dann lächelte die Lehrerin und wandte sich dann dem nächsten Fragesteller zu. 

An diesem Abend passierte etwas mit mir. In mir tauchte die Frage auf, ob diese Frau tatsächlich die Antwort bekam, die ihre tiefen Beziehungswunden heilen konnte? Würde die Metta-Meditation ihre als traumatisch erlebten Erfahrungen transformieren? (Metta-Meditation ist die Entwicklung „liebender Güte“ für sich selbst und für andere. Es ist ein wirkungsvoller Weg zu lernen, sich 100% anzunehmen und diese Selbstliebe auch an andere weiterzugeben) 
Würde sie einzig durch die Meditation wieder mit ihrem Leben zurecht kommen? 
Ich fragte mich, ob die Aufforderung, sie solle ihre Meditation weiter vertiefen, diese Frau wirklich an dem Punkt abholte, an dem sie stand in ihrem Leben. Ich fragte mich, ob das wirklich die heilsamste Art war, einem verletzten, westlichen Menschen zu begegnen. Mir kam es so vor, als ob in dieser Aufforderung in gewisser Weise unsere jüdisch-christlich Wurzeln zum Vorschein kamen: „Grundsätzlich bist du schuld. Wenn du dich nur mehr anstrengst, wird dir vielleicht verziehen werden. Bete zu Gott.“ Nur dass es eben hieß: „Mach deine Liebende-Güte-Meditation. Praktiziere von ganzem Herzen und alles wird sich richten.“ Nichts gegen die Liebende-Güte-Meditation. Ich erkenne und spüre ihren Wert, denn nichts ist so heilsam wie die Liebe in uns. Das aufrichtige Üben dieser einzigartigen Meditationsform öffnet verschlossene Gemüter und Geister. Meiner Meinung nach ist sie eine der ganz besonderen Meditationen, gerade für den Westen, um all unsere verkrusteten und verhärteten Herzen mit Liebe zu füllen. 
Doch zugleich zeigt mir meine berufliche Tätigkeit als Psychologe, dass die Arbeit an unseren inneren Glaubenssätzen, unseren konditionierten Mustern und den „psychologischen Knoten“, ebenfalls sehr effektive Mittel sind, die zumindest ergänzend das Potential haben, Mitgefühl und Weisheit zu generieren - einfach weil durch diese innere Arbeit alles, was nicht Liebe ist, aufgelöst wird. Es ist wohl so, dass die seelischen Verletzungen unserer Zeit nur zum Teil durch eine rein buddhistische Praxis geheilt werden können. Aus diesem Grund ist es meiner Ansicht nach ratsam, dass wir uns als spirituelle Praktizierende den Errungenschaften der westlichen Zivilisation nicht verschließen. Innere psychologische Arbeit kann uns helfen, innere Blockaden aufzulösen und zu transformieren. Diese psychologische Transformation wirkt heilsam und positiv auf unsere spirituelle Praxis ein - die wiederum unser Mitgefühl für die Welt und damit auch unser soziales Engagement stärkt. Ein kraftvoller und heilsamer Kreis des inneren und äußeren Wachstums entsteht.

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