Merkmale einer urbanen Spiritualität (von Ursula Richard)



Seit jeher sind Städte Orte des Handels, des Wandels, der Sehnsüchte und der Auseinandersetzung mit anderen Lebensstilen, Meinungen und anderen Biographien gewesen. Mittlerweile leben weltweit mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten. 1900 waren es erst 10%. In Deutschland sind es bereits 71%. Mit weiter steigender Tendenz. Neben der „Landlust“, so der Titel einer sehr erfolgreichen Zeitschrift für das Landleben, gibt es in den letzten Jahren verstärkt eine neue Stadtlust, eine neue Sehnsucht nach dem Urbanen. Doch wie Gerhard Matzig in einem Essay schreibt, „beklagt sich eben jene Gesellschaft, die diese Sehnsüchte hegt, nur allzu oft über ihre Folgen und klagt gerne vor Gericht über die Zumutungen urbaner Lebensweise. Über die Zumutungen auch der Nähe, der Heterogenität und des Andersseins.“


Neben der Stadtlust gibt es eben auch den „Stadtfrust“, der äußerlich in Form schrumpfender Städte, verödender innenstädtischer Bereiche oder maroder öffentlicher Gebäude, Armut, Obdachlosigkeit, Gewalt sichtbar wird und sich innerlich als Leiden unter Lärm, Hektik, Stress, Einsamkeit niederschlägt. Städte sind ein Spiegel der Gesellschaft und ein Schlüssel zum Verständnis unseres Zusammenlebens. Wie wir im städtischen Raum mit den oben genannten Problemen umgehen, mit sozialen, demografischen, ökologische Fragen, mit kulturellen, religiösen Unterschieden, das ist für die Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft von Bedeutung. Unser Denken und Handeln wird dabei ganz wesentlich von unseren Einstellungen, Haltungen und Werten geprägt. Traditionell war dies ein wichtiges Feld von Religionen, doch im Zuge von Säkularisierung und Individualisierung haben Religionen diese prägende Rolle bei uns längst verloren und zerfallen "in all das, was in der Kirche zusammengebunden war; Riten, Lebensführung, Kollektividentität, Moral, subjektiver Glaube. Diese Komponenten verselbständigen sich und werden teilweise unabhängig voneinander organisiert, nachgefragt und individuell neu kombiniert“, so der Soziologe Ulrich Beck.
Großstädte sind ideale Orte für solche Neukombinationen, nicht zuletzt, da im Zuge der Globalisierung mittlerweile dort fast alle religiösen oder spirituellen Traditionen in der einen oder anderen Form anzutreffen und in Augenschein zu nehmen sind. Sie sind es aber auch insofern, als sich immer mehr Großstädter von den üblichen urbanen Glücksversprechen und -strategien enttäuscht abwenden und als Suchende oder spirituelle Wanderer abseits von ihnen unterwegs sind. Das städtische Leben bringt die Kehrseiten von Freiheit und Individualisierung so auf den Punkt, dass es solche Suchbewegungen durch seine eigenen Bedingungen unausgesetzt nährt. Den auf diese Weise unterwegs Seienden geht es vielfach darum, für sich neue verbindliche Haltungen und Werten zu finden und einzuüben, um neue Orientierungen und Tiefenbindungen zu gewinnen. Religiös oder spirituell sein setzt mittlerweile längst nicht mehr „die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Organisation voraus; es bezeichnet vielmehr eine bestimmte Einstellung zu den existenziellen Fragen des Menschen“.

Urbane Spiritualität ist also in sehr starkem Maße individualisiert, weil sie zuallererst eine solche individuelle Einstellung bezeichnet. Sie ist als eine rein säkulare Spiritualität vorstellbar und lebbar, das heißt, sie vermag auch ohne Anbindung an religiöse Traditionen Wirkung zu entfalten, sie lässt sich aber auch im Kontext spezifischer religiöser oder spiritueller Formen als Haltung beschreiben. Spirituelles Erleben bzw. dessen Deutung sind zunehmend im Individuum selbst verortet, bilden die Grundlage einer Lebenshaltung, die immer und überall ausgedrückt und kultiviert werden kann, sie braucht dazu nicht notwendigerweise besondere Orte oder Gemeinschaften. Ganz allgemein lässt sie sich meines Erachtens als eine Haltung von Achtsamkeit, Offenheit, Anteilnahme/Mitgefühl und Verbundenheit kennzeichnen. Eingeübt werden kann sie in den traditionellen spirituellen Wegen wie auch in vollkommen säkularen. Sie wird sich von daher auch in sehr verschiedenen Sprachen und Ausdrucksformen artikulieren, was mit der großen Vielfalt von Meinungen, Kulturen und religiösen Traditionen korrespondiert, die in einer Stadt zu Hause sind. In dieser Vielfalt braucht sie aber auch eine sehr klare Ausrichtung, um nicht trivial oder beliebig zu werden. Durch ihre Sprachen- und Methodenvielfalt ist sie anschlussfähig an andere gesellschaftliche Diskurse, und das macht sie so wichtig für die heutige Zeit. In diesem Zusammenhang ist es für mich eine spannende Frage, inwieweit die Religionen in ihren traditionellen Ausrichtungen diese Anschlussfähigkeit nicht zunehmend verlieren. Und damit meine ich nicht nur die christliche, wo das sehr offensichtlich geworden ist, sondern auch zum Beispiel die buddhistische, die seit ein paar Jahrzehnten bestrebt ist, sich hier im Westen zu verwurzeln und dies zum Teil mit einer großen Beharrung auf traditionelle asiatische Formen versucht. Wenn der Reiz des Exotischen sich verbraucht hat, was tritt dann an dessen Stelle?

Um es einfach zu sagen: Mehr Achtsamkeit, Offenheit, Anteilnahme/Mitgefühl und Ausrichtung auf Verbundenheit tun uns als Individuen gut, und es tut auch der Gesellschaft als Ganzer gut, wenn ihre Entwicklungen in allen Bereichen stärker von diesen Haltungen geprägt werden. Sie sind entscheidende Voraussetzungen dafür, in einer immer komplexer werdenden Welt mit wachen Sinnen friedvoll, gelassen und verantwortungsbewusst zu leben und zu Entscheidungen zu gelangen, die über den Tellerrand des eigenen Egos hinausgehen.




Ursula Richard, Verlegerin und Autorin, ist seit mehr als 25 Jahren Zen-Übende und ebenso lang begeisterte Großstädterin (Berlin). 








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