Die Überwindung des Grabens. Ein Diskurs über Wiedergeburt.


Gerade findet in der buddhistischen Szene ein eindrucksvoller Diskurs über die Wiedergeburt statt. Angefangen hat dieser Diskurs mit den Ansichten des ehemaligen Mönches und Autors Stephen Batchelor. Seiner Vorstellung nach beruhen viele Grundannahmen des überlieferten Buddhismus auf einem nicht nachprüfbaren Glauben - wie etwa der Wiedergeburtslehre oder den sagenumwobenen Fähigkeiten der frühen tibetisch-buddhistischen Meister. 
Stephen Batchelor beschreibt in seinem Buch „Bekenntnisse einen ungläubigen Buddhisten“1, wie er nach Jahren der buddhistischen Praxis begann, die grundlegenden geistigen Pfeiler des Buddhismus zu hinterfragen. Batchelor, der zehn Jahre lang ein ordinierter Mönch gewesen war, bemerkte schließlich, dass der tibetische Buddhismus dem Glauben eine höhere Bedeutung beimisst als der Vernunft. Auch wenn sein Lehrer Geshe Rabten ihn dazu ermunterte, die buddhistischen Texte kritisch und rational zu überprüfen, so durfte trotzdem nicht das grundlegende Paradigma in Frage gestellt werden, wie zum Beispiel der Glaube an die Wiedergeburt. Für viele tibetische Mönche ist der Glaube an die Wiedergeburt Teil ihrer moralischen Identität und eine Abweichung an diesen Glauben stellt durchaus eine Form des geistigen Verbrechens dar.  

Batchelor stellt für sich die Frage, ob er ein Buddhist sein kann, auch ohne daran zu glauben im Mutterleib eines Schakals wiedergeboren zu werden und ohne „an die Existenz einer Hölle zu glauben, in der ich Tausende von Jahren in einem menschlichen Körper mit Fischkopf lebendig gebraten werde, bis ich meine Missetaten gesühnt habe.“2 
Für traditionelle Buddhisten ist diese Sicht durchaus verwerflich. Da in den klassischen buddhistischen Texten die Ablehnung des Wiedergeburtsgedanken als schwerste aller Übeltaten bezeichnet wird - da die Wiedergeburtslehre die Sichtweise begründet, aus der alle anderen Übel folgen - richtet sich Batchelor nach Meinung vieler traditioneller Buddhisten selbst zugrunde. 

Wie nun Stephen Batchelor weiter ausführt, ist die Frage nach der Wiedergeburt für den Buddhismus „wichtig, weil das ganze Gebäude traditioneller buddhistischer Denkweise mit dem Glauben an die Wiedergeburt steht und fällt. Wenn es keine Wiedergeburt gibt, warum sollte man dann darum bemüht sein, sich aus dem Kreislauf von Geburt und Tod zu befreien und Nirvana zu erlangen, das endgültige Ziel im Buddhismus? Wenn es keine Wiedergeburt gibt, wie können dann die moralischen Handlungen je Früchte ragen, die zur Zeit des Todes noch nicht gereift sind? (...)Doch damit die Wiedergeburt möglich ist, muss etwas den Tod des Körpers und Gehirns überleben. Um den physischen Tod zu überleben, muss 'etwas' nicht nur von nichtphysischer Natur sein, sondern auch noch fähig sein, 'Samen' vorher begangener Handlungen (Karma) aufzubewahren, die in zukünftigen Leben 'reifen' werden. Da die Buddhisten die Existenz eines beständigen Selbst verneinen, das von Leben zu Leben besteht, postulieren sie einen unbeständigen, nichtphysikalischen, geistigen Prozess, der erklärt, was wiedergeboren wird. Das führt zwangsweise zu einer Dualität von Körper und Geist."3 Für Batchelor ist der Glaube an die Existenz einer nichtphysikalischen geistigen Kraft das buddhistische Äquivalent zum Glauben an einen transzendenten Gott. Letztendlich unterscheidet sich der traditionelle Buddhismus in dieser Hinsicht nicht von anderen Glaubens-Religionen und das obwohl der Buddhismus ja durchaus als „atheistische Religion“ bezeichnet wird. Da jedoch „der Beweis der Wiedergeburt darauf beruht, den subjektiven Erfahrungsberichten anderer zu glauben, wie weit unterscheidet er sich dann von den Behauptungen über die Existenz Gottes, denn die Mystiker (...) behaupten, dass sie Gott direkt erfahren haben?"4

Wenn wir also mit dieser Perspektive an die Wiedergeburt glauben, haben wir es mit einer Form der Religion zu tun: Wir glauben an Gott oder wir glauben an das Paradies oder an die Wiedergeburt. Wir legen unser Leben in die Hände einer größeren Macht und ergeben sich ihr. Für den Philosophen Professor Thomas Metzinger5 sind Religionen deshalb „adaptierte Wahnsysteme“, die die Funktion besitzen, Bewältigungsstrategien für die Angst vor dem Tod zur Verfügung zu stellen. Das ist ein schwerwiegendes Argument gegen den Buddhismus, der sich so gerne von der Irrationalität der Glaubensreligionen absetzt. So bezeichnet der Zen-Meister Willigis Jäger die Wiedergeburtslehre als letzte Bastion des Ichs: „Die Religionen lehren uns, dass das Eigentliche erst noch kommt, später, im Himmel oder in einer besseren Wiedergeburt. Religionen leben von diesen Hoffnungsbildern. Sie sind wichtig, weil der Mensch sonst der Sinnlosigkeit anheim fällt. Sie sind zugleich aber auch das letzte Bollwerk, hinter dem das Ich sich verschanzt, um seinen Fortbestand zu retten.“6
Als Thich Nhat Hanh gefragt wurde, ob er denn wiedergeboren würde, sagte er, dass er in jedem Menschen, der achtsam seinen Weg geht, wiedergeboren wird. In jedem Moment, in dem wir uns der Allgegenwärtigkeit des Paradieses vergegenwärtigen, wird auch er sein, denn es gibt nur diesen einen zeitlosen Moment. Es gibt keine Sekunde, in der wir nicht gerade wiedergeboren werden. Leben und sterben ist ein unaufhörlicher Prozess. So schreibt er: "Im populären Buddhismus, der eher auf Hingabe und Glaube basiert, gibt es die Vorstellung, dass wenn der Körper sich auflöst, die Seele in einen anderen Körper wechselt, in einen Baum, einen Hirsch, in eine andere Person, vielleicht schwarz oder braun oder weiß usw. Mit Rechter Sichtweise ist diese Anschauung naiv. Zu sagen, dass wir nach unserem Tod in anderen Formen des Lebens weiterexistieren, ist kein tiefes buddhistisches Verständnis. Die cinematografische Natur des Bewusstseins schließt eine solche Sichtweise aus. Nichts wird geboren, nichts stirbt, es gibt nur immer wieder neue Manifestationen in neuen Formen."7
Der bekannte buddhistische Lehrer Alan Wallace geht soweit zu sagen, dass Stephen Batchelor eine verzerrte Haltung dem Buddhismus gegenüber einnimmt. Schließlich stimmen viele angesehene Gelehrte des Buddhismus darin überein, dass der historische Buddha von der Wiedergeburt sprach. Alan Wallace spricht dann auch einen überaus wichtigen Punkt an: „Batchelors Verständnis des Buddhismus ist geprägt von einer starken Antipathie Religion und religiösen Institutionen gegenüber.“8

Hier berühren wir meiner Ansicht nach den zentralen Punkt der Diskussion: Was wir erleben ist der klassische Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft - zwischen Spiritualität und Rationalität. Wie Alan Wallace selbst bemerkt, zeigt die Popularität der Thesen von Stephen Batchelor, dass viele Menschen einfach enttäuscht sind über die traditionellen Religionen. „Menschen, die sich heutzutage die Wissenschaft zu eigen machen und damit auch die metaphysischen Glaubenssätze des wissenschaftlichen Materialismus, wenden sich vom traditionellen religiösen Glauben und seinen Institutionen ab und suchen nicht länger dort nach Trost und Kontakt. Und jene, die sich der Religion zuwenden und sich der Indoktrination durch materialistische Vorurteile verweigern, verlieren das Interesse an der Wissenschaft.“9

Wiedergeburt, Logik und wer hat nun Recht?
Ich finde die Frage nach der Wiedergeburt sehr spannend, denn an ihr lassen sich verschiedene Grundhaltungen einnehmen, mit denen man diesem Phänomen begegnen kann.
Eine traditionelle Perspektive kann zwei verschiedenen Haltungen gegenüber der Wiedergeburt einnehmen: Einmal kann sie an die Wiedergeburt glauben, da diese im Pali-Kanon verankert ist, also auf die Worte des Buddha zurück zu führen ist. Ebenfalls wird die Wiedergeburt von sehr vielen traditionellen Bhantes, Roshis und Rinpoches als gegeben betrachtet. Es gibt somit keinen Grund daran zu zweifeln. 
Fazit: Ich glaube an die Wiedergeburt, weil es so in den alten Schriften geschrieben steht.

Den Worten Buddhas zufolge ist diese Sicht auf die Wiedergeburt zu verwerfen, da wir die Dinge nicht ungeprüft übernehmen sollen. Das Argument „der Buddha hat es gesagt“ ist dem Buddha zufolge, kein hinreichendes Argument.

Auf der anderen Seite gibt es auch im traditionellen Kontext eine rationale Begründung für die Wiedergeburt, wie der Dalai Lama betont: "Der Dreh- und Angelpunkt der rationalen Begründung der Wiedergeburt besteht darin, dass alle von uns erfahrenen Bewusstseinsmomente aus einem Moment entstehen, der ihnen vorangeht. Und da Materie und Bewusstsein zwar an der Entstehung des jeweils anderen mitwirken, jedoch niemals »substanzielle Ursache« füreinander sein können - aus Geist kann nicht Materie und umgekehrt entstehen -, muss dem ersten Bewusstseinsmoment eines neugeborenen Wesens eine notwendige Ursache vorausgehen, die nichts anderes sein kann als ein Moment des Bewusstseins selbst. Mithilfe dieser Argumentation wird im buddhistischen Denken die Existenz eines vorangegangenen Lebens begründet." 
Fazit: Ich glaube an die Wiedergeburt, weil es mir am logischsten erscheint.
Dieser Argumentation nach ist Wiedergeburt zumindest theoretisch möglich. Doch mit letztendlicher Sicherheit ist auch mit dieser Begründung die Wiedergeburt nicht zu beweisen. Schließlich ist es nicht auszuschließen, dass auch andere Gründe für das Zustandekommen des Bewusstseins möglich sind.

Eine wissenschaftliche Perspektive nähert sich diesem Phänomen nun mit Fragen wie: Ist das möglich? Wie ist das möglich? und versucht auf einer naturwissenschaftlichen Grundlage Beweise dafür oder dagegen zu finden. Es sind hier also ebenfalls zwei Haltungen denkbar. Einmal kann die rationale Perspektive auf die augenscheinliche Unmöglichkeit einer Seele hinweisen, beziehungsweise auf den spekulativen Charakter von etwas, dass den Körper überdauern könnte. Der rationale Buddhist beruft sich auf die Unmöglichkeit, die Wiedergeburt als beweisbares Phänomen - im Sinne einer westlich-aufgeklärten Grundlage - zu akzeptieren. Und solange dieses Phänomen nicht hinreichend verstanden und erklärt worden ist, hat es auch keinen Sinn, daran zu glauben. 
Fazit. Ich glaube nicht an die Wiedergeburt, weil es nicht überprüfbar ist.

Zu guter Letzt ist es meiner Meinung nach angebracht, den Zweifel und die Skepsis der modernen buddhistischen Interpretation zu würdigen. Vielen Wiedergeburts-Skeptikern geht es zum Beispiel darum herauszuarbeiten, dass hinter dem „Ewigkeitswunsch“ durchaus das Ego stecken kann. Wiedergeburt kann als eine narzisstische Verlängerung des eigenen Ichs gesehen werden. Eine Position, auf die auch Willigis Jäger hinweist. Zudem herrscht oftmals eine Begriffsgenauigkeit dem Phänomen „Wiedergeburt“ gegenüber. Hier lohnt es sich wirklich genau und präzise zu definieren, was, wann und wo wiedergeboren wird. Schon allein diese Festlegung würde viel Wind aus der Debatte nehmen. 

Letztendlich bleibt uns nicht anderes übrig, als das wir uns diesem Phänomen auf allen Ebenen zu nähern versuchen. So sollten wir den traditionelle Kontext kritisch prüfen und rationale Überlegungen anstellen. Wir sollten jedoch nicht auf unserer rationalen Meinung allein beharren, sondern Wiedergeburt als eine „spirituelle Hypothese“ ansehen, die unter Umständen wahr sein kann, auch wenn sie nicht mit herkömmlichen Mitteln bewiesen werden kann. Wir wissen es einfach nicht. Es gibt viele Dinge die dafür sprechen und es gibt ernsthafte Einwände dagegen. Durch Vergleiche kulturübergreifender Beschreibungen der „Seelenwanderung“ und den Vorgängen nach dem Tod lassen sich zum Beispiel signifikante Ähnlichkeiten herausarbeiten, die ein Phänomen Wiedergeburt zulassen können.10 So können wir durchaus nach Sichtung aller Fakten das Phänomen „Wiedergeburt“ für möglich halten. 

Bedeutsamer ist vielleicht, ob man an die Wiedergeburt glaubt, weil es Teil der Tradition ist und man einfach auch daran glauben möchte, oder ob man sich mit einem Forschergeist diesem Phänomen nähert und es ehrlich hinterfragt. Denn wenn wir die Dinge nicht kritisch durchleuchten und hinterfragen, kann es durchaus vorkommen, dass der buddhistische Glaube nicht viel mehr ist, als eine andere Form des Aberglaubens. 
Ich finde, wir sollten nicht zu stark auf unsere Meinungen beharren, sondern versuchen, alle Perspektiven in die Debatte miteinzuschließen. Selbst wenn ich völlig von der Wiedergeburt überzeugt bin, kann es für den Prozess dienlich sein, nicht allzu stark darauf zu beharren. Schließlich befinden wir uns gerade in einem sensiblen Prozess der Integration des Buddhismus in den Westen. Darum können wir auch in unseren Diskussionen bedenken, welche Aspekte der buddhistischen Lehre gerade mehr Aufmerksamkeit verdienen und welche nicht. Ein Zitat des vielgeachteten Forscher für transpersonale Psychologie Roger Walsh soll darum dieses Thema abschließen: 
„Eine reife Spiritualität kann sich nicht auf althergebrachte Gedanken und längst verstorbene Meister beschränken. Wenn Spiritualität in uns und durch uns leben soll, muss sie unsere moderne Welt umfassen und relevante Errungenschaften der heutigen Naturwissenschaften miteinschließen. Jahrhundertelang haben Wissenschaft und Religion sich gegenseitig bekämpft. In mancher Hinsicht war Kritik sicher angebracht. So haben Wissenschaftler sich etwa mit Recht über den Mythos mokiert, dass Lao-Tse im Alter von neunhundert Jahren geboren sein soll oder dass der Buddha einige Minuten nach seiner Geburt bereits laufen konnte. (...) Andererseits wollen Religionsgelehrte und Philosophen nichts davon wissen, dass die naturwissenschaftliche Methode der einzige Weg der Erkenntnis sei und die gesamte Wirklichkeit erfassen könne. Die Wissenschaft ist zum Beispiel nicht in der Lage, subjektive Erfahrungen zu beurteilen, und kann über so wichtige Dimensionen wie Sinn und Zweck des Lebens so gut wie keine Aussagen machen. (...) Bis vor kurzem gab es nur zwei Wege zur Validierung von Spiritualität: Glauben und persönliche Erfahrung. Im Glauben übernehmen wir einfach das Wort einer spirituellen Autorität - einer Person oder einer Schrift - und akzeptieren etwas als wahr, weil es so geschrieben steht. Allerdings können Lehrer ebenso wie Bücher sich auch gründlich irren. Dieser „ungeprüfte Glaube“, wie die Buddhisten ihn nennen, kann Unheil anrichten. Es ist besser, diese Behauptungen selbst zu prüfen, indem man die relevanten Praktiken ausführt und dadurch einen „geprüften Glauben“ erwirbt. Denn heute gibt es noch einen dritten Weg. Zum ersten Mal in der Geschichte können wir Behauptungen selbst überprüfen und feststellen, dass manche von ihnen der wissenschaftlichen Forschung durchaus standhalten.“11




Fußnoten
1 Stephen Batchelor Bekenntnisse einen ungläubigen Buddhisten.
2 Stephen Batchelor „Ich bin ein buddhistischer Atheist“. Tibet und Buddhismus 99, S.19
3 Stephen Batchelor. Bekenntnisse einen ungläubigen Buddhisten. S. 56ff
4 Stephen Batchelor. Bekenntnisse einen ungläubigen Buddhisten. S. 56
5 Thomas Metzinger auf dem Kongress „Meditation und Wissenschaft“ November 2010
6 Willigis Jäger. Tod ist Leben. http://www.spirii.de/de/Wissen/Spiritua ... Leben.html
7 Thich Nhat Hanh. Kein Kommen, kein Gehen. Intersein-Zeitschrift
8 Alan Wallace. Verzerrte Wahrnehmungen des Buddhismus, 99. Tibet und Buddhismus. S.29
9 ebenda, S.31
10 vgl:http://www.integralworld.net/de/death-de.html
11 Roger Walsh. Die Erfahrung gelebter Spiritualität. S.42



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