Erleuchtung. Ein Hauch von Nichts.

Im beginnenden 21. Jahrhundert wächst auch im Westen die Zahl derer, die sich selbst als erleuchtet oder erwacht bezeichnen. Doch ein Blick hinter die Kulissen offenbart einige diskussionswürdige Punkte.

1) Die Vieldeutigkeit des Erwachens
Es mag vielleicht verwundern: doch Erleuchtung ist nicht gleich Erleuchtung. Je nach Tradition oder spiritueller Praxis variiert die Bedeutung dieses vormodernen Begriffes. Für Praktizierende des Advaita, des Buddhismus oder des anthroposophischen Stufenweges gibt es zum Teil vollkommen unterschiedliche Auffassungen darüber, wer oder was erleuchtet ist.
Ein Beispiel: Ein selbsternannter Erleuchteter beschreibt, wie er jederzeit in einen Zustand der Stille und Glückseligkeit eintauchen und darin verweilen kann. Im Buddhismus wiederum wird diese "Fähigkeit" als eine der acht Versenkungszustände definiert - die zwar sehr eindrucksvoll zu erleben sind, jedoch nichts mit Erleuchtung zu tun haben.
Auf der anderen Seite ist für viele Buddhisten Erleuchtung etwas, dass sie erst in 1000 weiteren Leben erlangen können - und lehnen dementsprechend spirituelle Formen ab, die Erleuchtung für alle und zwar sofort reklamieren.
                  
2) Ablehnung anderer spiritueller Formen
Ein anderes merkwürdiges Phänomen ist die Ablehnung anderer spirituellen Lehrer oder Traditionen von selbsternannten Erleuchteten. So ist zum Beispiel auf einer "erwachten Homepage" zu lesen, dass die Stille die durch die buddhistische Praxis erlangt wird, nicht wirklich was wert ist - da sie nichts mit der überwältigenden Stille zu tun hat, die man erleben kann, wenn man bei besagten Lehrer in die Lehre geht (was bedeutet eine Reihe Workshops zu besuchen).
Innerhalb buddhistischer Traditionen gibt es ebenfalls eine ganze Reihe von unerklärlichen Abneigungen. Stephen Batchelor beispielsweise beschreibt, wie selbst gestandene Zen Meister und tibetische Rinpoches nicht die spirituelle Form des anderen tolerieren oder erkennen konnten.

3) Schatten auf dem Pfad
Jede spirituelle Tradition oder Praxis weist ihre blinden Flecke auf. Buddhisten beispielsweise verlieren sich unheimlich gern in Rituale und Theorien - ein Umstand den schon der Buddha selbst bemängelte, indem er sagte, man solle sich nicht in das Floß verlieben, dass einen zum anderen Ufer bringen kann.
Advaita Praktizierende können sich hingegen so in der Stille verirren, dass sie blind durch die Welt laufen. Eine Advaita Koryphäe hatte drei Jahre lang eine Affäre, bis schließlich seine Frau ihm auf die Schliche kam. Für viele seiner Schüler ein Umstand übrigens, der nichts zur Sache tut, da die Affäre ja vom Zustand der Stille aus geführt worden ist und der Lehrer somit nichts dafür kann.


Wie wir sehen, gibt es noch eine ganze Menge Baustellen zu bearbeiten, bis der Begriff "Erleuchtung" ein diskussionsfähiges Niveau erreicht. Bis dahin sollten wir Vorsicht walten lassen, wenn wir von "Erleuchteten" hören und sehen. Denn - frei nach Joseph Beuys: Jeder ist ein Erleuchteter.

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