Liebe spirituelle Familie... (von Thich Nhat Hanh)

... es gibt die Geschichte eines Paares, das das Fleisch ihres Sohnes aß; diese Geschichte wird vom Buddha im „Sutra über das Fleisch des Sohnes“ erzählt. Das Paar muss mit seinem kleinen Kind auf ihrer Suche nach Asyl eine Wüste durchqueren. Da die Erwachsenen die Gegend nicht kennen, haben sie nichts mehr zu essen, als sie die Wüste erst halb durchquert haben. Sie erkennen, dass sie alle drei wohl in der Wüste umkommen und niemals das Land am anderen Ende der Wüste erreichen werden. Schließlich entschließen sich die beiden, ihren kleinen Sohn zu töten. Jeden Tag essen sie ein kleines Stück seines Fleisches, um genügend Energie zum Weitergehen zu haben, während sie den Rest seines Fleisches auf ihren Schultern tragen, damit es trocknet. Jedes Mal, wenn sie ein Stück Fleisch gegessen haben, schauen sich die beiden an und fragen:„Wo ist unser geliebtes Kind jetzt?“

Nachdem der Buddha diese tragische Geschichte erzählt hatte, sah er seine Mönche an und fragte: „Glaubt ihr, dass die beiden glücklich waren, das Fleisch ihres Sohnes zu essen?“„Nein, Weltverehrter, die beiden haben gelitten, weil sie das Fleisch ihres Sohnes essen mussten“, antworteten die Mönche.

Der Buddha lehrte: „Liebe Freunde, wir müssen lernen, in einer Weise zu essen, dass wir Mitgefühl in unseren Herzen bewahren können. Wir müssen in Achtsamkeit essen. Tun wir das nicht, essen wir möglicherweise das Fleisch unserer Kinder.“ 




Die UNESCO berichtet, dass jeden Tag rund 40 000 Kinder an Unterernährung sterben. Mittlerweile wird Getreide vielfach angebaut, um Tiere damit zu ernähren (Kühe, Schweine, Hühner usw.) oder Alkohol herzustellen. Über 80 Prozent des Mais und 95 Prozent des Hafers werden in den USA als Viehfutter verwendet. Weltweit verbrauchen Rinder eine Futtermenge, die dem Kalorienbedarf von 8,7 Milliarden Menschen entspricht, also mehr als der momentanen Erdbevölkerung.


Es ist genau das, wovor uns der Buddha gewarnt hat: Wir essen das Fleisch unserer Kinder und Enkelkinder. Wir essen das Fleisch unserer Mütter und Väter. Wir essen unseren eigenen Planeten Erde. Das Sutra über das Fleisch des Sohnes sollte der gesamten Menschheit zugänglich sein, damit sie daraus lernen kann.


Wir müssen dringend handeln, auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene. Als spirituelle Familie und als Menschenfamilie können wir alle helfen, die globale Erwärmung durch die Praxis des achtsamen Essens abzuwenden. Vegetarisch zu leben ist vielleicht der wirkungsvollste Weg, die globale Erderwärmung zu bekämpfen. Buddhistisch Praktizierende haben während der letzten zweitausend Jahre vegetarisch gelebt. Wir sind Vegetarier, weil wir unser Mitgefühl für die Tiere nähren wollen. Nun wissen wir, dass wir auch deswegen vegetarisch essen, um die Erde zu beschützen, um sie davor zubewahren, durch den Treibhauseffekt ernsthaften und irreversiblen Schaden zu erleiden. 


Lasst uns Sorge tragen für unsere Mutter Erde. Lasst uns Sorge tragen für alle Wesen, für unsere Kinder und Enkelkinder. Wir müssen nur Vegetarier sein, und wir können dadurch die Erde retten. Vegetarier bedeutet in diesem Zusammenhang auch, keine Eier und keine Milchprodukte zu verzehren, denn auch sie sind Produkte der Fleischindustrie. Wenn wir aufhören zu konsumieren, werden sie aufhören zu produzieren. Nur durch ein kollektives Erwachen können wir genügend Entschlossenheit für unser Handeln schaffen. Unsere gegenwärtige Praxis besteht in der Unterstützung aller, die sich der Gefahren globaler Erderwärmung bewusst werden, um dazu beizutragen, Mutter Erde und alle Arten zu retten. Wir wissen, ohne ein kollektives Erwachen haben die Erde und die Lebewesen keine Chance auf Rettung. Unser tägliches Leben muss beweisen, dass wir erwacht sind.


Es gibt den Buddhismus, damit wir lernen können, in Verantwortung, Mitgefühl und liebender Güte zu leben. Wir müssen erkennen, dass wir mit Mutter Erde inter-sind, wechselseitig verbunden, dass wir mit ihr leben und mit ihr sterben. Mutter Erde ist schon viele Male wiedergeboren worden. Die große Flut, verursacht durch die globale Erderwärmung, wird vielleicht nur ein kleiner Teil der Menschheit überleben. Die Erde wird über eine Million Jahre brauchen, um sich zu erholen und wieder ein neues, schönes, grünes Kleid überzustreifen, und eine andere menschliche Zivilisation wird beginnen. Diese Zivilisation wird die Fortführung unserer Zivilisation sein. Für uns Menschen ist eine Million Jahre ein sehr langer Zeitraum; für die Erde und nach geologischerZeitrechnung sind eine Million Jahre so gut wie nichts, es ist nur eine kurze Zeitspanne. Letztendlich sind Geburt und Tod nur Phänomene an der Oberfläche. Keine-Geburt und Kein-Tod sind die wahre Natur aller Dinge. Das besagt die buddhistische Lehre des Mittleren Weges.

Mit Liebe und Vertrauen

Thây (Thich Nhat Hanh)





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