Spirituelle Lehrer: Mühlsteine, Verantwortung und Liebe


von John Dupuy


"Als ich mit einem unserer prominenten spirituellen Lehrer telefonierte, kam die Frage auf, wie man weiß, ob jemand erleuchtet ist. Es wurden ein paar Dinge aufgeführt, anhand derer man die Tiefe der Verwirklichung einer Person feststellen kann, aber ich brachte dann etwas ins Gespräch ein (worauf ein Moment tiefer Stille, ein fallender Groschen und ein „Oh, tja...“ zu hören war) und zwar, dass eine der Manifestationen der Erleuchtung, spirituellen Reife oder Selbstverwirklichung – wie man es auch benennen will – ein Zuwachs an Mitgefühl ist. 


Jesus wird im Matthäus Evangelium Kapitel 7 Vers 20 folgendermaßen zitiert: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ und „Ebenso bringt jeglicher gute Baum gute Frucht, aber ein fauler Baum bringt schlechte Frucht....“, usw. Was ich hier sagen will ist, wenn jemand behauptet, ein spiritueller Lehrer zu sein und kein deutliches Wachstum an Mitgefühl und Herzensgüte vorhanden ist, dann haben wir es meines Erachtens mit einer Ebenen/Zustandsverwechslung zu tun und einer Art von Erleuchtung, die mehr Probleme verursacht als zu helfen. Wie der Apostel Paulus im Kapitel 13 des ersten Kolosserbriefes sagte (ich formuliere dies für unsere integralen Zwecke um) „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete“ und verstünde alle Quadranten, alle Ebenen, alle Linien, alle Stufen, alle Zustände, den verdammten Schatten und Nicht-Dualität noch obendrein, und hätte der Liebe nicht, dann hätte ich ein Problem und taugte wahrscheinlich nicht, ein spiritueller Lehrer im erhabenen Sinne zu sein.

Ich mag ein fantastischer Dozent und/oder Professor an der Universität sein, oder gar ein Schriftsteller, aber wenn ich nicht die Tiefe der Wirklichkeit berührt habe, in der Mitgefühl und Liebe aus unserem ureigensten Wesensgrund hervorquellen, dann tauge ich wahrscheinlich – nein bestimmt nicht – dazu, ein spiritueller Lehrer zu sein, denn ich werde zu viele meiner eigenen Bedürfnisse und Wünsche in die Verbindung hineinprojizieren – ich werde Andere verletzen und ich werde mich selbst auch sehr verletzen.

Jesus, dieser Meister der transformativen Weisheit, warnte immer vor falschen Lehrern und schimpfte über sie. In einer Rede sagte er den ungesunden spirituellen Anführern seiner Zeit, „Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen” ...oder „in das ewige Feuer der Hölle”,... „als dass er einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt”. (Diese Kleinen sind hier die spirituellen Suchenden oder junge Schüler.) Er nannte sie „Nattern und Giftschlangenbrut“ und „Heuchler“, die „schwere Lasten zusammenschnüren und sie den Menschen auf die Schultern legen“ – tue dies, tue das, gib mir dein Geld, tue was ich sage oder verschwinde, usw. - „wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen“. Dies machte Jesus richtig sauer. Nebenbei gesagt, es macht mich auch richtig sauer.

Roger Walsh sagte vor kurzem in einem Vortrag, bei dem ich zugegen war (übrigens denke ich, dass Roger Walsh ein großartiges Vorbild für einen spirituellen Lehrer ist: geistvoll, reif, abgeklärt, bescheiden und sehr gütig), dass wir vielleicht ganz damit aufhören sollten, über „Erleuchtung“ zu sprechen und einfach „spirituelle Reife“ sagen sollten. Ich denke, viele unserer spirituellen Lehrer haben die Vorstellung einer integralen transformativen Praxis oder integralen Lebenspraxis einbezogen, aber mehr als ein gutes theoretisches Bezugssystem für Andere, ohne sich selbst groß damit abzugeben. Die integrale Landkarte gibt uns eine leichte und intuitiv gut erfassbare Möglichkeit zu verstehen, warum unsere spirituellen Lehrer immerzu in Schwierigkeiten geraten, uns in Schwierigkeiten bringen und auf die Nase fallen. Es ist nichts Schlimmes daran, auf die Nase zu fallen. Ich habe persönlich das Gefühl, dass ich darin ein Meister bin – also im auf die Nase fallen – aber es reicht nicht, der integralen Praxis gegenüber nur ein Lippenbekenntnis abzulegen. Wir müssen uns wirklich auf eine tägliche, engagierte integrale Praxis einlassen, wenn wir zu den Lehrern, Heilern, groß-geistigen, großherzigen Messias werden wollen, die die Welt zur Zeit braucht."


John Dupuy ist der Begründer von Integral Recovery. Er verbindet zwei Jahrzehnte bodenständiger Counseling-Erfahrung mit den führenden Werkzeugen von ILP und der AQAL Landkarte. Seine Arbeiten erschienen u.a.im AQAL Journal. John war mehrfach zu Gast auf den Tagungen des Integralen Forums. In Kürze erscheint sein Buch "Integral Recovery" bei SUNY Press. Seit kurzem betreibt er die Firma "Profound Meditation", die die Technologie binauraler Meditation weiteren Kreisen zugänglich macht. John lebt mit seiner Partnerin Pam in Teasdale, Utah (USA).

_()_