Spirituelle Verantwortung im 21. Jahrhundert


Der Buddhismus in Europa ist noch eine sehr junge Tradition. Erst vor wenigen Jahrzehnten brachten Pioniere des Bewusstseins, wie etwa Sylvia Wetzel oder Ayya Khema, die Lehre des Buddha in unsere heimischen Gefilde. Nicht wenige dieser Pioniere verbanden dabei mit dem Buddhismus die Hoffnung, neue und nachhaltige Werte in die westliche Gesellschaft zu transportieren. Doch für postmoderne Kulturkritiker wie etwa Slavoj Žižek, benutzen viele Praktizierende den Buddhismus heute lediglich, um einen absurden Zustand von inneren Frieden und Gelassenheit zu kultivieren. Während in den Metropolen dieser Welt die soziale Ungerechtigkeit wächst und mit dem Klimawandel eine globale Gefahr das Leben auf der Erde bedroht, ziehen sich viele Buddhisten und Buddhistinnen auf ihre Meditationskissen zurück - nicht ohne jedoch auf die materiellen Annehmlichkeiten des Kapitalismus verzichten zu wollen.


Strukturelle Gewalt im Alltag
Sulak Sivaraksa, Gründer des Internationalen Netzwerks Engagierter Buddhisten (INEB) und einer der wichtigsten Sozialkritiker Asiens, führt in diesem Zusammenhang den Begriff der „strukturellen Gewalt“ ein. „Wenn man tötet, so ist dies direkte Gewalt. Aber wenn jemand reich ist und dieser luxuriöse Lebensstil andere in Gefahr bringt, die sehr arm sind, dann ist das strukturelle Gewalt.“ Mit anderen Worten geht es darum, das Prinzip des wechselseitigen Verbundenseins zu kultivieren. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Menschen auf dieser Erde, die in Armut und denen, die in Wohlstand leben. Das materielle Leben im Westen geschieht massiv auf Kosten anderer und diese Erkenntnis führt uns direkt zu der Einsicht, dass es nicht nur darum gehen kann, sich selbst zu verändern, sondern auch bestehende Gesellschaftsformen. 

Die unbequeme Wahrheit ist: Unser Leben ist voller struktureller Gewalt. Ein von Kinderhänden gefertigtes iPhone, billige Milch vom Supermarkt, die die Existenzgrundlage der Bauern ruiniert oder Schnäppchenflüge nach Mallorca, die die Umwelt belasten: All das sind Akte der Gewalt, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen oder dazu führen die Existenzgrundlage der nachfolgenden Generationen zu zerstören. 

Unsere individuelle Einflussnahme auf dieses gewalttätige System ist jedoch begrenzt. Solange wir Teil eines kranken Systems sind, werden wir auch unweigerlich zu unheilsamen Handlungen verleitet. Ein Beispiel: Vermutlich besitzen die meisten hier ein Konto bei einer der führenden westlichen Banken wie Deutsche Bank, Sparkasse oder Commerzbank. Auf diese Weise unterstützt jeder mit einem Konto bei einer dieser Banken so unheilsame Dinge wie Spekulationen auf Lebensmittel, wie zuletzt bei der Deutschen Bank geschehen. Wir sehen, es ist uns nicht ohne weiteres möglich, dem System zu entsagen, solange wir darin leben. Darum betonen immer mehr spirituelle Lehrer und Lehrerinnen die Bedeutsamkeit einer westlichen „angewandten Spiritualität“, die soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt.

Und genau an diesem Punkt stehen wir jetzt: Wie können wir als spirituell Praktizierende wirken? Wie können wir als spirituell Praktizierende heilsame Impulse in die Welt geben? Jede Generation besitzt ihre ganz speziellen Aufgaben und Herausforderungen. Nehmen wir die unseren an!

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