Das heilige Ich


Spirituelle Lehrer und Lehrerinnen werben in ihren Kurse gerne damit, dass ihre Teilnehmer und Teilnehmerinnen regelmäßig bei ihnen aufwachen. Einer dieser Lehrer schreibt beispielsweise: „In meinen Seminaren und Retreats ist es immer wieder greifbare Realität, dass jemand diesen entscheidenden Sprung einer solchen Transformation erfährt.“ 
Doch der Schatten hinter dieser simplen Fokussierung auf das Erleben des Big Mind, der Konzentration auf den Moment der Stille, wird dabei gerne übersehen. Es ist schließlich nicht allzu schwer, die Erfahrung der Stille, des Big Mind zu machen. Die wirkliche Übung fängt erst damit an, diese Erfahrung dauerhaft in den Alltag zu integrieren - zum Wohle aller Wesen.

Und da kommen wir zu einer leidvollen Disharmonie in der spirituellen Szene: Das Erwachen wird lediglich in einem hermeneutisch abgeriegelten Bereich gesucht und gefunden: 
In Retreats, Seminaren und anderen künstlichen Events, wird gemeinsam der Punkt der Stille angestrebt. Dabei wird sich gegenseitig versichert, als einer der ganz wenigen Menschen, den Höhepunkt des Universums - das Erwachen - zu erlangen. Es wird sich gegenseitig die spirituelle Besonderheit gespiegelt - lauter kleine Buddhas, die sich unter dem gütigen Schirm des Lehrers versammeln, um das Endziel zu erreichen.

Ich beobachte seit geraumer Zeit den unheilvollen Trend, dass sich dabei nicht mehr begnügt wird, abgeschottet von Rest der Welt, das Erwachen anzustreben. Vielmehr werden vermehrt andere Ansätze und Ansichten abgewertet - bis hin zu absurden Vorstellungen, dass selbst engagiertes, soziales Handeln als solches keinen Sinn macht, da es nur das Ego ist, was in diesen Fällen handelt.

„Noch nie war das Ich so heilig. Dass die Kehrseite dieses Kults unser Narzissmus ist, lassen wir uns nicht gerne sagen." Tom Steininger 

Meiner Ansicht nach, dürfen wir die Gefahr dieser narzisstisch-spirituellen Ausrichtung nicht unterschätzen. Denn ob wir wollen oder nicht - wir alle sind maßgeblich durch unsere Kultur geprägt. Und solange unsere Kultur sich zumeist nur mit Konsum und Ich-Wahn beschäftigt, wird auch die zeitgenössische Spiritualität damit infiziert sein.

Der Ausweg? Bewusstheit. Reflexion. Achtsamkeit über das was ich mache und - vor allem - WARUM ich es mache. Denn daraus kann der Mut entspringen, sich gegen so unheilvolle und oberflächliche Formen der Spiritualität zu behaupten und einen angemessenen Weg der Spiritualität im 21. Jahrhundert einzuschlagen. Einen Weg, der das Erwachen in der ganz konkreten Form des alltäglichen Lebens findet.


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