Das mögliche und reale Scheitern des westlichen Buddhismus

von Onda


Jede spirituelle Lehre ist anfällig für extreme Auslegungen, Degeneration und Missbrauch. 

Es gehört zum Allzumenschlichen, dass nichts auf Erden - und sei es noch so schön & heilig - vor Missbrauch und Verzerrung gefeit ist. So wie im Kapitalismus schlechthin alles zur Ware wird, so sind die menschlichen Triebmotoren Gier, Hass und Verblendung geeignet, zur Degeneration von Religionen zu führen. Ja, vielleicht kann man sagen, dass Religion an sich (als Institutionalisierung einer spirituellen Lehre) bereits ein Degenerationsphänomen ist. Das Ideal des Mittleren Weges, der die Extreme meidet, ist nur schwer zu realisieren. Das mögliche und reale Scheitern des Buddhismus zeigt sich in vielen Aspekten. In fast allen diesen Punkten zeigt sich ein Scheitern beim Begehen des Mittleren Weges.


1) Eine lebensfeindliche Lehre. Grundsätzliche Aversion gegen das Leben. Versuch der Überwindung des Lebens durch Nicht-Mehr-Geboren-Werden. Ideal des Rückzugs von der "Welt" (Eskapismus). Die Lehre vom Bedingten Entstehen wird missverstanden und als Lehre der Lebensüberwindung gedeutet. Diese Ideologie ist in ihrer Lebensverachtung eine verkappte und spirituell veredelte Suizid-Phantasie. 

2) Mangelnde Wertschätzung des Individuums und seiner individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten. Notwendigkeit zur individuellen Charakterbildung und Entwicklung von individuellen Talenten/Neigungen und damit persönlicher Identität wird übersehen. Die anatta-Lehre kann fehlinterpretiert werden als Ablehnung der Notwendigkeit individueller Persönlichkeitsentwicklung. anatta Lehre schlägt um in die Leugnung des Individuums und des dazugehörigen empirischen Ichs. 

3) Überbetonung der Vergänglichkeit. Wohl sind alle Phänomene letztlich vergänglich. Dennoch gibt es auch (begrenzte) Dauer & Kontinuität. Dieses Faktum gerät aus dem Blickfeld. Das Phänomen der (begrenzten) Dauer und Kontinuität (als persönlichkeitsstiftende hinreichende Ähnlichkeit) wird unzureichend beschrieben und gewürdigt. 

4) Überbetonung der Leidhaftigkeit des Seins. Dukkha als Daseinsmerkmal beschreibt die Unzulänglichkeit der Phänomene: keines kann dauerhaft befriedigen. Leid entsteht aber erst dort, wo dauerhafte Befriedigung gewollt ist. Die Gleichung "Leben = Leiden" ist falsch. Miesepeterei, morbide Fixierungen, Weltverachtung. 

5) Eine genussfeindliche Lehre. Sinnliche Freuden werden wegen ihres Anhaftungspotentials grundsätzlich abgelehnt. Ideal des empfindungs- und gefühllosen Menschens. Der gefühllose Mensch immunisiert sich gegen das Leidpotential der Welt. Aus Angst vor Enttäuschung wird die Befriedigung garnicht erst gesucht. Es wird nicht erkannt, wie wichtig die Befriedigung von Bedürfnissen für das Wohlbefinden ist. Bedürfnisse werden einseitig unter dem Gesichtspunkt der Begierde betrachtet. Fixierung auf angeblich unheilsame Begierden. 

6) Eine sexualfeindliche Lehre. Ablehnung der Sexualität. Reduktion der Sexualität auf den Aspekt der Begierde. Ablehnung der Fortpflanzung im Zusammenhang mit dem Ideal der langfristigen Lebensverunmöglichung (Punkt 1). Problem mit dem Wort "Liebe". 

7) Eine ratiofeindliche Lehre. Der Buddhismus hat erkannt, dass die extreme Fixierung auf den rationalen Teil des menschlichen Geistes unheilsam ist und dass es Erfahrungswirklichkeiten gibt, die das Rationale überschreiten. Insbesondere das Erwachen wird als transrationales Ereignis geschildert. In degenerierter Form wird diese Einsicht zu einseitiger Ratiofeindlichkeit und öffnet die Tür für den Aber-Glauben (s.u.)

8] Glorifizierung des monastischen Weges. Die Mönchs-Existenz als Non Plus Ultra. Stilisierung der monastischen Lebensweise zum "eigentlichen" und effizientesten Weg. Polemik gegen die "Haushälterexistenz". 

9) Fixierung auf heilige "Original-Schriften". Die fundamentalistischen Fraktionen haften an einer Schrift an, die sie für autoritativ und authentisch erklären - den Palikanon. Man kultiviert die Illusion, im Besitz der einzigen authentischen Originalschrift zu sein, die das Wort des "historischen Buddhas" konserviere (Vgl. Glaube und Aberglaube). Schrift-Wahrheit steht über Eigenerfahrung. Der PK als Fetisch. Neigung zur wörtlichen Lesart in Verbindung mit mangelndem Talent, spirituelle Texte auch metaphorisch zu lesen. So glauben dann Buddhisten im Wortsinne an Himmel und Hölle und an die Wiedergeburt als Hungergeist oder Tier (Siehe > Glaube und Aberglauben). Zeitgenössische Schriften werden als "Sekundärliteratur" abqualifiziert. 

10) Kontrollsucht. Das meditierende Ich versucht die Dinge unter Kontrolle zu bringen und sich bsp. gegen Gefühle zu immunisieren. Das meditierende Ich verspricht sich durch Anwendung von Techniken persönlichen Zugewinn. Es will die Dinge in den Griff bekommen. Errichtung einer kontrollierenden Instanz. Gefahr der Ego-Aufblähung. 

11) Spiritueller Materialismus. Spirituelle Praxis verkommt zur Leistungs-Show. Ich kann dies & das, habe diese oder jene Einweihung, dieses oder jenes Jhana realisiert. So schmückt sich das Ego mit Errungenschaften und kultiviert Dünkel gegenüber den "Leistungsschwächeren". 

12) Schulbildung. Es kommt zur Bildung von Schulen, die sich voneinander abgrenzen und um Deutungshoheit wetteifern. Kampf um die Rechte Lehre. Anhaften an und Verherrlichung der eigenen Schule. 

13) Geringschätzung von Kunst. Kunst wird ausschließlich unter dem Aspekt der Sinnesbefriedigung betrachtet. Potential ästhetischer Kommunikation wird nicht gesehen. 

14) Machtmissbrauch. Religion wird benutzt, um Macht auszuüben. Die herrschende Kaste sichert sich persönliche Vorteile und Privilegien. Machtausübung ermöglicht den jenen spezifischen Lustgewinn, der aus der Unterdrückung anderer Menschen resultiert. Sexueller Missbrauch von Schülern. Anhäufung von Besitz. 

15) Glaube und Aberglaube. Im Zusammenhang mit der Rationalismus-Kritik kommt es zu einer Überbetonung der Glaubenselemente und zu einer Degeneration im Aberglauben: Amulette, Glücksbringer, Geisterbeschwörung, Zauber-Mantren, Reliquienkult etc. Unkritische Übernahme abergläubischer hinduistischer Glaubensinhalte wie Karma und Wiedergeburt. 

16) Anhaftung an Riten. Schon der Buddha hat die Gefahr des Anhaftens an Riten erkannt. Auch der Buddhist erkommt dieser Gefahr nicht immer erfolgreich und haftet an: Mantrenrezitationen, Sutrenrezitationen, Meditationskleidung, Zeremonien, etc. 

17) Missbrauch von Lehrelementen zur Immunisierung gegen Kritik Buddhisten (und buddhistische Gemeinschaften) haben eine wirkungsvolle Strategie, um Kritik an sich abprallen zu lassen: sie erklären Kritik zum alleinigen Problem des Kritikers: "Alles deine Projektionen". So vermeidet man es geschickt, sich mit dem eigenen Fehlverhalten auseinanderzusetzen.


_()_

1 Kommentar:

  1. Eine sehr gute Liste die benennt, was im Buddhismus alles schief laufen kann und auch tatsächlich schief läuft.

    Ich sehe das als Zeichen, daß eine lange überfällig kritische Diskussion über den Buddhismus im deutschsprachigen Raum einsetzt. Institutionen wie die DBU zum Beispiel sind zu dieser Diskussion nicht in der Lage oder wollen sie nicht.

    Menschen die sich für Buddhismus interessieren aber erschreckt sind von der Naivität mit der er oft praktiziert wird, brauchen solche Institutionen allerdings auch nicht. Die moderne Technik bietet die Möglichkeit unabhängig von solchen "eingetragenen Vereinen" zu diskutieren. Blogs und Blogbeiträge wie dieser bieten diese Möglichkeit.

    Zu vielen Punkten wäre mehr zu sagen. Ich erlaube mir folgende Hinweise:

    Zum Punkt 9, Fixierung auf heilige "Original-Schriften", finden sich in meiner jüngsten Glosse einige geraffte Argumente, die es erlauben eine Diskussion darüber zu führen, warum diese "Original-Schriften" letztlich nicht geben kann.
    Zum Punkt 14, Machtmissbrauch, und entsprechend auch zu den Punkten 12, 16 und 17, findet sich eine ausführliche Studie hier: "Zen hat keine Moral!" (auf Ereignissen in Zen-Gemeinden fussend, jedoch mit allgemein gültigen Ergebnissen).

    Vielen Dank, Matthias

    AntwortenLöschen