Das Wunder der Gegenwart

Lange Zeit dachte ich, dass der Sinn der spirituellen Praxis darin besteht, mich zu stärken und mir die Kraft zu verleihen, mit schwierigen Situationen in meinem Leben umzugehen. So legte ich mich vor herausfordernden Situationen mächtig ins Zeug - und schwitzte im Yoga, beruhigte meine Seele mit Qi Gong und erfüllte mein Herz mit Energie in der Meditation. Und das alles, um in Momenten, in denen mich das Leben herausforderte, voll und ganz fit zu sein.

Dann kam der Moment, in dem ich erkannte, dass es dabei lediglich darum ging, meiner Angst auszuweichen. Meiner Angst nicht zu genügen. Meiner Angst nicht zu bestehen. Meiner Angst zu versagen. Und um dieser Angst zu entgehen, pumpte ich mich auf mit Yoga. Pumpte ich mich auf mit Meditation. Pumpte ich mich auf mit Energie, soviel ich eben nur aufnehmen konnte.

Heute ist das anders. Es ist still geworden. Herausfordernde Situationen kommen und gehen. Und sie werden mein restliches Leben lang kommen und gehen. Kein Grund zur Panik. Wenn ich heute einen schwierigen Moment vor mir weiß dann - tue ich gar nichts. Ich gehe einfach in ihn hinein. Ohne mich zu stärken. Ohne vorher zu meditieren. Ohne kosmischen Beistand. Und vor allem: ohne Angst.

Der Trick dabei ist einfach: nichts zu wollen. Es einfach geschehen lassen. Denn da ist niemand der zweifelt. Da ist niemand der Angst hat. Da ist niemand der es besser machen muss. Die ganze Sache ist dabei so einfach, dass ich mich manchmal frage, wie es sein kann, dass es so einfach ist. Aber auch das ist nur eine Frage, die vorbei zieht, ein leiser Zweifel der aufsteigt und wieder vergeht.

Heute besteht der Sinn der spirituellen Praxis darin, die Qualität des Augenblicks zu erkennen. Die Würde des Moments zu stärken. Teilzunehmen an dem Wunder der Gegenwart - zum Wohle aller Wesen.

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