Spirituelle Evolution


Wenn wir die heutige westliche Kultur, mit der des alten Tibet vergleichen, fällt auf, dass es heutzutage nicht mehr möglich ist, auf einer vormodernen Ebene zu praktizieren. Eine buddhistische Theokratie, mit einem Staatsoberhaupt, die ihre Legitimität aus einer Wiedergeburt bezieht, ist in einer säkularen Gesellschaft nicht vorstellbar. Viele Menschen im 21. Jahrhundert sehnen sich schlicht nach einer profunden spirituellen Praxis - jedoch ohne dabei an Wiedergeburt, Himmelswesen und Feuerhöllen glauben zu müssen. Doch wie passen vormoderne spirituelle Traditionen und säkulare Gesellschaften zusammen?

Ken Wilber, einer der Pioniere des integralen Bewusstseins, formuliert bei solche Diskussionen, gerne den Satz: „Die Leerheit ist heute dieselbe wie die vor zweitausend Jahren. Nur die Zugänge dazu haben sich geändert.“ Diese bedeutsame Unterscheidung zwischen einer absoluten und einer relativen Dimension führt zu der Einsicht, dass es für eine spirituelle Tradition notwendig ist, sich von Zeit zu Zeit in einen Kreislauf der Erneuerung zu begeben. Denn auch wenn die absolute Dimension - der zeitlose und formlose Urgrund des Seins - nicht von Veränderung und Entwicklung berührt wird, so ist doch offensichtlich, dass sich die relative Dimension - die Form und die Erfahrung der Zeit - sich fortwährend wandelt und immer wieder neue Formen und Strukturen annimmt.

Wenn wir heute über Buddhismus im 21. Jahrhundert diskutieren, sprechen wir deshalb auch über Entwicklung. Denn ebenso wie alle anderen Bereiche des Lebens, entwickelt sich auch das menschliche Bewusstsein fortwährend weiter. Eine der tiefgreifendsten Einsichten besteht heute darin, dass sich diese Entwicklung der relativen Form nach einem klaren Muster durchlaufen wird. Gleichwohl der Entwicklung eines Kindes wandelt sich auch die menschliche Kultur und das menschliche Bewusstsein zu immer komplexeren Formen.

Waren die Menschen in früheren Zeiten von magischen und mythischen Vorstellungen über die Welt durchdrungen, so sehen wir heute, dass sich  heute immer mehr Menschen zu einer rationalen und mentalen Sicht der Dinge entwickeln. Moderne Praktizierende akzeptieren beispielsweise nicht mehr die mythische Vorstellung, dass nur Männer die Erleuchtung erfahren können, oder dass es Unheil bringt, wenn man auf den Schatten eines Mönches tritt. Auch das naive Konzept der personalen Wiedergeburt wird nicht mehr fraglos  übernommen, stattdessen werden in intensiven Diskursen die verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten einer spirituellen Lehre diskutiert - die Aufklärung hat Einzug genommen in das Gebäude der buddhistischen Lehre.
Unter diesem Blickwinkel macht es Sinn drei spirituelle Hauptgruppierungen zu definieren, die sich – gerade im Hinblick auf den katastrophalen Zustand dieser Welt – gegenseitig befruchten und bereichern können.

Zum ersten gibt es eine traditionelle Spiritualität. Damit sind die überlieferten Praktiken und Lehren gemeint, die sich über Jahrtausende hinweg überliefern konnten und unzähligen Menschen ein sicherer Pfad waren. Die traditionelle Form der Spiritualität ist die Basis und Wurzel aller modernen spirituellen Phänomene. In ihr liegt das uralte Wissen der Transformation und Transzendenz, aus dem wir heute schöpfen können.

Zum zweiten gibt es eine säkulare Spiritualität. Die Lehre des Buddha wird unter diesem Blickwinkel als eine psychologische Erkenntnislehre bzw. als eine Kulturtechnik oder eine Wissenschaft des Geistes angesehen. Das Kunststück der säkularen Spiritualität ist es, die Essenz der Tradition zu integrieren und sie in der Welt, in der wir uns hier und jetzt befinden, anzuwenden. Während es traditionellen Buddhisten beispielsweise einzig darum geht, ein endgültiges Nirvana zu erlangen, wollen säkulare Buddhisten als Mensch vollkommen erblühen - ohne Rückgriff auf ein metaphysisches Versprechen.

Und zum dritten finden wir eine postmoderne Spiritualität. In ihr finden wir den Drang, in die Welt hinauszugehen, um individuelles und kollektives Engagement in Balance zu bringen. Der engagierte Buddhismus - eine Form der postmodernen Spiritualität - beeinflusst beispielsweise mit seinen westlichen Ideen, vielerorts die traditionellen Strukturen. So sprechen selbst der Dalai Lama und der Karmapa von der Bedeutsamkeit, ein ökologisches Bewusstsein zu fördern. Der Gründer des Internationalen Netzwerks engagierter Buddhisten Sulak Sivaraksa, Träger des Alternativen Nobelpreises, spricht dabei von der Notwendigkeit, die Macht des Staates notwendigerweise zu hinterfragen und dagegen Widerstand zu leisten. Seiner Ansicht nach ist es eine Schwäche des Buddhismus, diesen Widerstand nicht zu praktizieren, sondern stattdessen mit dem Staat zu koexistieren. Buddhisten könnten hier viel von der marxistischen Gesellschaftsanalyse von der Ursache der Unterdrückung lernen - während Linke, als auch Marxisten von Buddhisten lernen können, bescheidener und achtsamer zu sein.


_()_

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen