Das Herz des Lotos


von Sylvia Wetzel
„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann! Sie interessieren sich für Meditation und für den Buddhismus. Sie besuchen einen tibetischen Tempel, legen Ihre Schuhe ab und treten ein. Da sehen Sie sie, an der Wand gegenüber dem Eingang: Buddha Tara auf einem kostbaren tibetischen Rollbild (Thangka), vielleicht zwei mal drei Meter groß. Sie erinnern sich, Buddha war eine Frau. Alle tausend Lehr-Buddhas unseres glücklichen Zeitalters sind Frauen. So zumindest lehrt es die Tradition. Auf dem Thangka ist Buddha Tara umgeben von ihren 16 engsten Schülerinnen, den 16 Arhantis, befreiten, freien Frauen. Die Rollbilder, gesäumt von leuchtendem, schweren Brokat erstrahlen in wunderschönen Farben. 
Sie haben Glück, heute wird eine berühmte buddhistische Meisterin einen Vortrag halten. Mit hunderten von Menschen warten Sie auf die Ankunft der XIV. Dalai Lama, Friedensnobelpreisträgerin und beliebtes Oberhaupt des tibetisches Volkes. Sie wissen, dass die Dalai Lamas die Inkarnation der Lotosgöttin sind, der stets weiblichen Verkörperung von Liebe und Mitgefühl auf dieser Erde. Die Dalai Lama wird von hohen Würdenträgerinnen begleitet, die sich genau wie ihr verehrtes Oberhaupt seit Jahrhunderten zum Wohl aller Lebewesen für eine weibliche Inkarnation entschieden haben.
Gerade treten die buddhistischen Nonnen ein, aufrechte, selbstbewusste, schöne Frauen in leuchtend roten und gelben Roben; sie werden respektvoll auf die für sie reservierten Plätze in den ersten Reihen geleitet. Hinter ihnen huschen die Mönche herein; etwas schüchtern und verschämt nehmen sie die hinteren Sitze ein. Sie kennen einige Geschichten über die Lamas der Tradition, die bis auf ein, zwei Ausnahmen alle Frauen waren. Über allen thront die friedliche und machtvolle Gestalt der Grünen Tara.
Der Vortrag der Dalai Lama ist erhellend und inspirierend. Sie fühlen sich verstanden in ihrem tiefsten Sein. Sie fühlen sich wohl im Kreis dieser nach Einsicht und Liebe strebenden Menschen. Und doch, etwas nagt. Wahrscheinlich "das Ego", das haben Sie zumindest schon einmal in diesen Kreisen gehört. Wenn einem etwas seltsam vorkommt, sollte man immer zuerst daran denken, dass das bloß der Kampf "des Ego" gegen die Wirklichkeit ist.
Stellen Sie sich nun vor - denken Sie daran, Sie sind ein Mann -, Sie wenden sich bei der nächstbesten Gelegenheit an eine buddhistische Lehrerin. In Ihrer Nähe findet ein Vortrag einer berühmten buddhistischen Nonne aus Sri Lanka statt. Etwas irritiert und verunsichert, aber gleichzeitig voller Vertrauen auf die Integrität dieser wunderbaren Nonnen (und Mönche), lassen Sie sich einen Termin für ein Einzelgespräch geben. Eine zweite Nonne bleibt im Zimmer, und auch die Tür wird nicht ganz geschlossen, denn ordinierte Nonnen (und Mönche) leben im Zölibat und sollen aus verständlichen Gründen mit einer Person des anderen Geschlechts nie allein sein.
Sie wenden sich also mit Ihrer Frage an die Ehrwürdige Nonne: "Ich schätze die Lehren und Übungen des Buddhismus sehr, doch warum gibt es fast überall nur Frauen, die lehren? Warum sind die Lehr-Buddhas immer Frauen? Warum sitzen die Nonnen in der ersten Reihe und die Mönche hinter ihnen?" Die Ehrwürdige Nonnen sitzt völlig entspannt in ihrem Sessel und schlürft gemächlich einen Tee, den eine junge Novizin mit einer Verbeugung gerade serviert hat. Sie schaut Sie etwas verwundert, aber doch sehr mitfühlend an und sagt: "Junger Mann, machen Sie sich doch darüber keine Gedanken. Das Geschlecht spielt (fast) keine Rolle auf dem geistigen Weg. Üben Sie, und dann lösen sich alle Probleme von allein."
"Ja, aber warum gibt es fast ausschließlich Lehrerinnen?", fragen Sie weiter. "Nun ja, einige Schriften sprechen davon, dass eine männliche Wiedergeburt weniger wertvoll ist als eine weibliche. Doch das bedeutet keinesfalls eine Diskriminierung von Männern. Das ist lediglich eine mitfühlende Beschreibung der sozialen Wirklichkeit. Männer haben es einfach schwer, ihr Leben ist voller Mühe und Arbeit. Ich bete dafür, dass Sie im nächsten Leben als Frau wiedergeboren werden. Dann haben Sie es leichter. Sie können auch selbst für eine weibliche Wiedergeburt beten."
Ja, denken Sie sich, Männer haben kein einfaches Leben. Man sieht uns trotz aller Gleichberechtigung immer noch ein wenig als Menschen zweiter Klasse an, als unvollständige Frauen, als Menschen, die eigentlich das "falsche" Geschlecht haben. Und das als Ausdruck von Mitgefühl zu sehen, ist ein interessanter Gedanke. "Ein Leben als Mann ist weniger wert als ein Leben als Frau". Das ist eine rein deskriptive Beschreibung und keine normative Aussage. Vielleicht hilft mir das, meinen Weg als Mann im Buddhismus zu finden.
In der Leerheit gibt es weder Frau noch Mann
So weit, so gut. Nach einigen Wochen und Monaten hält eine berühmte Zen-Lehrerin einen Vortrag mit dem Titel: "Der große Weg ist ohne Mühe, für die, die nichts den Vorzug geben..." Das klingt gut, nicht nach Bevorzugung eines Geschlechts, sondern richtig weise, nichtdualistisch. Auch hier lassen Sie sich wieder einen Termin für ein Einzelgespräch geben. In eleganten seidenen Roben sitzt die Ehrwürdige Äbtissin eines bekannten Zen-Klosters im Westen und schaut Sie aufmerksam an. Sie lächelt nicht, strahlt aber viel Ruhe und Klarheit aus. Wieder stellen Sie Ihre Frage: "Sehen Sie, ich finde das Zen wunderbar, naja, etwas martialisch kommt es mir schon vor, aber im großen und ganzen gefällt mir die Ästhetik in der Zen-Halle, die Rezitationen und die große Ernsthaftigkeit und Ausdauer bei der Übung. Aber wie Sie sehen, bin ich ein Mann. Überall bin ich konfrontiert mit weiblichen Buddhas, mit Lehrerinnen, mit der Überlieferungslinie der großen Zen-Matriarchinnen, immer geht es um Nonnen und ihre Einsichten, und ich als Mann komme einfach nicht vor. Es fällt mir schwer, mich mit all diesen weiblichen Figuren zu identifizieren."
"Junger Mann, " erwidert die Zen-Meisterin mit einem angedeuteten Lächeln, "junger Mann, ich gebe Ihnen einen Rat: Üben Sie, üben Sie mit großer Ausdauer. Bewegen Sie das Koan in ihrem Bauch, bis es sich wie ein rotglühende Feuerkugel anfühlt. Üben Sie, erleben Sie Leerheit. In der Leerheit gibt es weder Mann noch Frau, weder Körper noch Geist, und damit auch keine Probleme. Mann, Frau, Körper, Geist, das ist alles nicht wichtig, das ist bloß die Oberfläche. Sie müssen tiefer gehen. Üben Sie. Erkennen Sie Leerheit, dann lösen sich alle Ihre Fragen in einem großen Lachen auf. Glauben Sie mir, ich habe das selbst erlebt und mit mir alle großen Meisterinnen (und Meister) aller Zeiten und Räume."

Sie nehmen sich den Rat zu Herzen und meditieren mit Ausdauer und Hingabe. Hin und wieder erleben Sie Momente, wo das Geschlecht wirklich überhaupt keine Rolle mehr spielt - in der Meditation und auf dem Kissen. Doch fast jedes mal, wenn Sie einen Vortrag besuchen, ein Buch aufschlagen oder eine Geschichte hören, steht eine Frau im Mittelpunkt, umsorgt von einer Riege junger Frauen oder Männer, die ihr mit Hingabe dienen.
Männer sind nützlich
Dann kommt eine große tantrische Meisterin, eine bekannte Lama in Ihre Stadt, hält einen Vortrag über Freude und Weisheit und gibt anschließend eine "Einweihung in die Grüne Tara", eine Einführung in die Meditation über eine weibliche Buddha-Gestalt. Bekannte und Freundinnen kennen sie von Kursen und empfehlen Ihnen, sich vertrauensvoll an diese charismatische Tibeterin zu wenden. Sie spricht perfekt Englisch, da sie auf einer katholischen Privatschule in Indien erzogen wurde und an einer englischen Universität westliche Philosophie studiert hat. Wieder wenden Sie sich vertrauensvoll an eine buddhistische Autorität und fragen: "Sehen Sie, ich achte und schätze den Buddhismus. Doch wie passe ich als Mann in diese Frauenreligion? Überall dreht es sich um Frauen. Naja, es gibt im Tantra auch ein paar männliche Buddhas, aber lehren tun vor allem die Frauen." Die tantrische Lama strahlt Sie charmant an und meint völlig entspannt: "Keine Sorge, junger Mann, Sie sind ein wundervoller und kostbarer Mensch. Sie sind ein wunderbarer Daka. Sie können uns Frauen helfen, unsere Kundalini-Kraft zu wecken und so Erleuchtung zum Wohle aller Wesen zu erlangen."

Sylvia Wetzel befasst sich seit 1977 mit Buddhismus.
Ausbildung in der tibetischen Tradition bei den Lamas Thubten Yeshe und Zopa Rinpoche u.a.
Sie unterrichtet seit 1986.


_()_

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen