Die Beziehung von Leiden und Glück


von Thich Nhat Hanh

Es gibt eine Beziehung, eine sehr enge Beziehung zwischen Leiden und Glück, die so weit geht, dass es kein Glück geben kann, wenn es nicht auch Leiden gibt. Das ist so wie bei der Lotosblume und dem Schlamm. Du kannst Lotosblumen nicht auf Marmor pflanzen, du musst sie im Schlamm pflanzen. Es ist also das Leiden, das wir in unserem Leben erfahren, aus dem sich unser Glück entwickeln kann. Meditation Anwenden bedeutet daher, das Leiden zu nutzen, um Glück zu erzeugen, so wie man den Schlamm nutzen kann, um Lotosblumen darauf anzubauen.

Meditation Anwenden hat also zwei Aspekte: mit Glück umgehen und mit Leiden umgehen. Und beides ist eng miteinander verbunden. Wenn wir nicht mit Glück umgehen können, wird es schnell zu Leiden werden. Die anfängliche Liebe kann innerhalb weniger Monate in Hass umschlagen. Der erste Aspekt der Anwendung ist also, die Blume so zu behandeln, dass sie nicht allzu schnell zu Schlamm wird.

Aber verzweifelt nicht, wenn die Blume einmal zu Kompost geworden ist, denn mit dem Anwenden von Meditation könnt ihr Kompost gut wieder in eine Blume verwandeln. Und der Buddha hat uns sehr klare Anweisungen gegeben, wie wir das machen können, wie wir mit Leiden umgehen sollen. Es gibt eine Art mit Leiden umzugehen, die hilft, das Leiden wieder in Glück zu verwandeln. Nach dieser Lehre und bei ihrer Anwendung sind sowohl Glück als auch Leiden von biologischer Natur. Denn wenn eine Blume zu Kompost werden kann, kann der Kompost auch wieder in eine Blume verwandelt werden. Wenn Glück zu Leiden geworden ist, ist es möglich, mit dem Leiden so umzugehen, dass wieder Glück entstehen kann.

Der Buddha verkündete die Vier Edlen Wahrheiten in seiner ersten Lehrrede. In der ersten Edlen Wahrheit geht es um das Leiden, das Nicht-Wohlbefinden,dukkha. Aber die Vier Edlen Wahrheiten handeln nicht nur vom Leiden sondern auch vom Glück, weil es in der dritten Edlen Wahrheit um das Beenden des Leidens, das Beenden des Nicht-Wohlbefindens geht. Das bedeutet das Vorhandensein von Wohlbefinden, Glück. In den Schriften heißt es, dass die dritte Wahrheit vom Beenden des Leidens handelt. Und das Ende des Leidens bedeutet den Anfang des Vorhandenseins von Wohlbefinden. Das ist so, als ob man sagt, dass die Abwesenheit von Dunkelheit das Vorhandensein von Licht bedeutet. Wenn keine Dunkelheit mehr da ist, was ist dann da? Das Gegenteil von Dunkelheit, also Licht.

Wenn wir tief in die Natur des Nicht-Wohlbefindens blicken, erkennen wir die zweite Edle Wahrheit. Und wir sehen, wie Nicht-Wohlbefinden entsteht. Blicke einfach in das Wesen des Nicht-Wohlbefindens und du siehst seine Wurzeln. Und daraus entsteht Verstehen. Und aus dem Verstehen der zweiten Edlen Wahrheit entspringt die vierte Wahrheit. Die vierte Edle Wahrheit handelt vom Weg, der zum Wohlbefinden führt, also vom Weg, der zum Beenden des Nicht-Wohlbefindens führt. Das ist dasselbe. Deshalb kann man sagen, dass die Vier Edlen Wahrheiten sowohl vom Leiden als auch von Glück handeln.

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1 Kommentar:

  1. Hallo,
    ich bin ein neuer Leser deines Blogs...
    Hier von mir nur eine positive und eine negative Anmerkung zu deinem Text.
    Ich finde es sehr gut, dass du schreibst, die Anwendung von Meditation beinhalte auch das richtige Umgehen mit Glück. Wie oft denken wir, wenn wir glücklich sind: "Ach wie schön, jetzt kann all die Anstrengung und das Bemühen mal Ruhen" wobei damit meist gemeint ist, dass man nicht mehr achtsam zu sein brauche. Ich finde es jedoch gerade schwer diese Achtsamkeit aufrecht zu erhalten, wenn ich mich grad so richtig wohl fühle.

    Wenn du schreibst: "Blicke einfach in das Wesen des Nicht-Wohlbefindens und du siehst seine Wurzeln" so ist das eine sehr bildhafte Schreibweise und hat für den Nicht-Buddhisten bzw. für den, der nicht meditiert m.E. weder was mit Einfachheit zu tun, noch verstehen jene Leute was du damit sagen möchtest. Viele Menschen interessieren sich doch vor allem für die Philosophie des Buddhismus, also das, was rational davon erfassbar ist. Zumindest werden viele dadurch an den Buddhismus herangeführt bevor sie echte meditative Erfahrungen machen. Ich bin daher (wie Wittgenstein) immer dafür all das was man ausdrücken kann klar auszudrücken und über alles andere zu schweigen.

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