Wake Up

"Ich gebe es zu, ich sage es offen und frei: mein Herz ist verwundet, durchlöchert, vom Weltenlauf getroffen. Es sinkt hinab - leicht taumelnd, eben so, wie ein flacher Stein in die Weite des Meeres sinkt und sich dabei von unsichtbaren Strömungen des tiefen Gewässers bewegen lässt, und so (fast tänzelnd) dem menschenfernen Grund entgegen sehnt. Und so falle ich und falle ich und falle ich. Tief in das Herz hinein, ein Paradox: Ein Menschenherz, das fällt in ein so unendlich größeres Herz. Ein Menschensohn, der sich ergreifen lässt, von dem klingenden Drang der Tiefe. Von der fundamentalen Weite seiner Berührbarkeit.


Und ja, ich stehe hier. Mit all den Fehlern und vergessenen Geschichten. Mit all den Launen und unverarbeiteten Gedichten. Und all diese Last und Schwere wische ich mit einem Griff beiseite. Löse mich von dem Unlösbaren. Entkleide mich aus dem teerverschmierten Kleid der abgenutzten Gedanken über Sinn und Sinnlosigkeit. Denn jetzt ist es ein Sprung, ein Wagen, ein Sehnen. Ein Fließen. Ein gedankenloses Ergießen in den Strom der Zeit. Durch die Zeit.


Es ist ein Tod, ein Sterben, ein Abschied nehmen. Es ist ein Schmerz, ein Wagnis, ein Nimmer-Wieder-Kommen. Es ist ein Tanz, ein Streben, eine Melodie, die nur der Berg uns singen lässt. Eine Melodie, die nur erfühlt werden mag: Auf dem Rücken des Pferdes, im Blick des Hundes. Im unendlichen Tanz der Liebe zu seiner Lebensgefährtin. Auf dem Weg nach Hause.



Und es ist ein Wieder-Erkennen. Wenn sich die Seelen - unsere Seelen, befreit von all ihrem Schmutz und Ballast - im Schein des abendlichen Feuers treffen. Schweigend, singend, erzählend. Meditierend, fragend, weinend. Und wir uns endlich, endlich, endlich. Öffnen und begegnen. Uns durch die geschlossenen Augen hindurch, direkt in unser gemeinsames Herz erblicken.

Und nun. Angekommen. An dem Ort, an dem alle Worte schweigen. Und alle Geschichten ein Ende gefunden. Angekommen, in der inneren Hauslosigkeit. Angekommen im Aufbruch. Im Aufwärtsschwingen. 

Oh, köstliches Mysterium. Ich erahne deine Größe, ich schmecke deinen wilden Kuss deiner gütigen Freiheit. Ich ersehne dein Antlitz, dein Weltengesicht, dein kosmisches Gesicht, deinen tanzenden Schoß des Kosmos. Du Gebärerin all unserer Worte und Gefühle. Du unsagbares Geschöpf. Du Liebe unseres Lebens." 

Aus "Wake Up. Oder: Wie es sich anfühlt auf dem Weg zu sein."


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