Dein Leben nach dem Tod


Als ich vor gut zwanzig Jahren regelmäßig spirituellen Sessions beiwohnte, kam fast bei jeder Stunde das Thema auf die Wiedergeburt. Es hing dann schnell eine Aura des "Ahnens" und des "Erspürens" in der Luft und viele der (meist weiblichen) TeilnehmerInnen erzählten von ihren Seelenträumen, in denen sie Botschaften vergangener Leben erhielten.

Mein guter, alter Freund Hans - Gott hab ihn selig - blickte in solchen Momenten mit tiefernsten Blick in die Runde - und erzählte von seiner letzten Inkarnation als SS-Hauptmann und wie er Stunde um Stunde unschuldige Menschen umbrachte mit ensetzlichen Genuss.

Ich mochte die Atmosphäre, die sich nach seinen Schilderungen manifestierte: eine zitternde Sekunde des Ungewissen lag in der Luft. Ein Moment der Nacktheit erschuf sich. Eine Ahnung des Ungewissen. 

Abgesehen davon, dass wir beide immer seltener zu spiritistischen Sitzungen eingeladen wurden, finde ich das Thema "Wiedergeburt" nach wie vor höchst spannend. Die buddhistische Welt ist schließlich voll davon. Gerade der Buddhismus ist ein Meister der Wiedergeburt, mit seinen detailverliebte Schilderungen über Feuerhöllen - in denen wir flüssiges Blei schlucken müssen - oder Momentaufnahmen von Planeten, auf die wir mit einem Erwachsenenkörper wiedergeboren werden und sofort beginnen, auf andere Menschen einzustechen, bis wir selbst abgestochen werden - nur um einige Minuten später wieder als Erwachsener geboren zu werden, um abermals mit einem Messer wahllos andere niederzumetzeln. In vielen buddhistischen Kreisen ist das ein großes Thema.

Doch eigentlich ist es nur so: Der Glaube an die Wiedergeburt wird letztendlich dazu benutzt, sich zu verstecken. Viele Praktizierende finden auf diese Weise einen Weg, dem schmerzhaften und eindeutigen Weg des Erwachens aus dem Weg zu gehen (so unglaublich das klingt). Sie tun dies, indem sie auf die zahlreichen zukünftigen Leben verweisen (viele buddhistische Lehrer werden nicht müde zu sagen, wir müssten m i n d e s t e n s noch tausende weitere Inkarnationen durchführen). Und darauf verweisen, dass es in diesem Leben nur darum geht, ganz kleine Schritte zu tun.

"Es geht nicht um das Erwachen in diesem Leben", sagen sie. "Es geht darum, Rituale durch zu führen. Zu beten. Um eine günstige Wiedergeburt zu hoffen."

Nun, vielleicht ist es das, was man als "spirituellen Bullshit" bezeichnen kann: Der Glaube an das Jenseitige. Der Glaube daran, das mit dem nächsten Leben alles besser werden kann. Und das das Glück - das Erwachen - niemals in diesem Leben, sondern erst in ferner, ferner Zukunft stattfindet. Nun, ein zeitgemäßer Buddhismus verabschiedet sich von diesem Glauben. Und stellt sich der Angst, mit dem Nicht-Wissen konfrontiert zu werden. Und stellt sich der unbequemen Frage, ob ich J E T Z T, genau J E T Z T wirklich alles unternehme, um das große Glück zu realisieren.

Denn: "Es braucht keinen Grund für Deine Existenz. Es braucht keine karmische Erklärung, oder Biografiearbeit. Es braucht nichts außer dem erstaunlichen Fakt, dass du da bist. Das Wunder Deiner Existenz bedarf keiner weiteren Begründung." Sebastian Gronbach

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