Was ist ein säkularer Buddhismus?


In Zeiten großer Konflikte und Herausforderungen scheint es, als ob der Buddhismus nicht wirklich in der Lage ist, mit all diesen Nöten und Sorgen des beginnenden 21. Jahrhunderts zurecht zu kommen. Seltsam stumm reagiert er auf Fragen des Krieges, auf Fragen des Terrors, auf Fragen der sozialen Not.
Natürlich - es gibt sie, die engagierten Buddhisten, die unermüdlich versuchen, soziale und heilende Impulse in die Gesellschaft zu bringen. Doch sind sie eine Minderheit und werden in nicht wenigen Fällen sogar für ihr Engagement kritisiert und als "nicht-buddhistisch" etikettiert. 

Warum ist das so?

Nun, der Hauptgrund liegt darin, dass die Lehre des Buddhas, ganz anders als die Lehre der Bhagavadgita beispielsweise, im Großen und Ganzen der Weltlichkeit den Rücken kehrt und sich damit den weltlichen Pflichten und Herausforderungen entzieht. Die Lehre des Buddha ist in ihrem Kern für viele Praktizierende eine völlig auf das Erwachen bezogene Lehre - ohne Anbindung an irdische Gesetzmäßigkeiten und ohne das Erwachen im Kontext eines weltlichen Systems leben zu müssen.
Buddha selbst verzichtete auf seine fürstlichen Rechte und Pflichten, rasierte sich den Kopf und wanderte als heimatloser, als ungebundener Mensch umher.

Der Buddhismus hat somit für sich selbst die Möglichkeit geschaffen, sich den vielfältigen Herausforderungen der Welt entziehen zu können, um sich vollkommen auf das innere Erwachen zu konzentrieren. Der Buddhismus verschanzt sich hinter den dicken Mauern des Klosters, um nicht vom Lärm der Welt abgelenkt zu werden. Die irdische Welt endet mit dem Eintritt in das Kloster, das geschorene Haar gilt als das Symbol der materiellen Entsagung. Es ist als ein fettes "Nein" zu der Welt an sich zu verstehen. 

Heute. Im explodierenden 21. Jahrhundert erleben wir nun folgendes Paradox: Menschen, die komplett eingebunden sind in diese Welt; Menschen, die aufgehen in Familie, Beruf und sozialem Miteinander - diese Menschen versuchen nun, eine Lehre, die auf Abgeschiedenheit und Weltentsagung beruht, inmitten des alltäglichen Lärms zu praktizieren. Man kann sich das so vorstellen: Familienväter- und mütter lesen in den wenigen freien Stunden ihres Lebens buddhistische Bücher, in denen sie zu hören bekommen, dass es keinen Sinn macht, Familie zu haben, ja, eine Familie geradezu als "Krankheit" zu verstehen ist. Und das ist entmutigend.

Moderne buddhistisch Praktizierende bekommen ständig die Botschaft vermittelt, ihr Leben sei bereits im Kern komplett falsch. Und der beste Ausweg aus dieser Misere sei, sich dergestalt gutes Karma aufzubauen, um in einem nächsten Leben, das Glück des klösterlichen Lebens erfahren zu dürfen. Alles andere sei Karma-Bullshit.

Der Ausweg aus diesem irrsinnig erscheinenden Paradox liegt meines Erachtens darin, sich vermehrt von den klösterlichen Vorstellungen und Lehrreden zu lösen und sie als das zu interpretieren, was sie im Grunde genommen sind: nämliche Lehrreden von Mönch zu Mönch, von Nonne zu Nonne. Und stattdessen sich auf die Aussagen zu konzentrieren, die Buddha und andere erwachte Praktizierende gaben, um das Leben in der konkreten, materiellen Welt sinnvoll und tiefgreifend leben und realisieren zu können.

Und dann erleben wir das Wunder der Fülle. Dann erleben wir, wie sich die Leere mit der Welt vermengt, nicht mehr zu trennen ist. Und immer und immer wieder, neue Formen erschafft, in denen wir unsere Menschlichkeit zu leben vermögen. Ein Leben in Glück, Zufriedenheit und Konzentration.


Buddha selbst empfahl uns Menschen, die eben nicht im Kloster leben, ein großes Gewicht auf spirituelle Praxis, Integrität im Verhalten und Realisation der letzten Wirklichkeit zu legen. Und um dies zu schaffen, ermutigte er uns, einen Wohlstandsstaat aufzubauen. Denn nur, wenn wir in einer materiellen Fülle leben, wenn wir genügend Essen, medizinische Versorgung und kulturelle Teilhabe besitzen, sind wir als Menschen dazu bereit, unsere Herzen, dem großen Mysterium zu öffnen. Buddha selbst setzte sich somit für das bedingungslose Grundeinkommen ein. Denn materielle Zufriedenheit ist die Basis aller spirituellen Entwicklung.

Moderner Buddhismus ist somit eine Abkehr vom monastischen Ideal der alten Zeit. Er ist die konkrete Möglichkeit, die buddhistische Lehre im Straßenstaub der Großstadt zu praktizieren. Er ist die Antwort auf die modernen Fragen und Zweifel und Ängste. 

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