Spirituelle Praxis in einer Barbie-Welt

Unsere Gedanken, Gefühle und Werte entspringen einer gemeinsamen Kultur. In unserer Kultur bevorzugt die Mehrheit der Menschen ein rational-aufgeklärte Menschenbild. Wir glauben an die Freiheit und die Würde des Menschen und wir gestehen jedem Individuum seine Rechte zu. Doch was passiert, wenn wir unser individualisiertes-westliches Denken auf die spirituelle Praxis richten? Sind wir überhaupt in der Lage mit unserem westlichen Verständnis die Essenz der Spiritualität zu verstehen? Oder interpretieren wir sie die meiste Zeit aus der Perspektive unserer Kultur heraus?
Die Lehre des Buddha zielt zum Beispiel darauf ab, eine Befreiung von dem ständigen Begehren nach Phänomen zu erlangen. Dies steht im Gegensatz zu den Leitbildern der westlichen Länder, in denen es um die grenzenlose Erfüllung aller Begierden, Träume und Wünsche geht. In unserer Kultur werden vermehrt nur noch die Dinge mit Hingabe ausgeführt, die uns Glück versprechen und „Spaß“ machen. Andere Tätigkeiten werden eher flüchtig umgesetzt und als lästig empfunden. Hingabe wird so bestimmt von oberflächlichen Bedürfnissen und sofortiger Lustbefriedigung. Der Soziologe Gerhard Schulze nennt dies die Erlebnisgesellschaft, in der es darum geht, die persönlichen Erlebnisansprüche zu befriedigen. Jedoch ergeben sich aus dieser Gesellschaftsform viele negativen Begleiterscheinungen wie Einsamkeit und Orientierungslosigkeit, die wiederum von noch mehr sinnlichen Erlebnissen überdeckt werden wollen. Unsere innere Leere wollen wir mit einem äußeren Ersatz kompensieren. Es ist die falsche Vorstellung eines „ich“, die den Menschen dazu veranlasst, Dinge zu begehren.
Vor 15 Jahren beschäftigte ich mich eine Weile sehr intensiv mit dem spirituellen Lehrer Meher Baba. Vieles von ihm ist gerade heute aktueller denn je. So spricht er zum Beispiel von der „Guerilla-Taktik des spirituellen Ego“: „In der Tat versucht das Ich in den fortgeschrittenen Phasen des Pfades nicht mehr, sich durch offene Methoden zu erhalten, sondern nimmt Zuflucht gerade zu jenen Dingen, die in der Absicht verfolgt werden, es zu schwächen. Diese Taktik des Ich hat große Ähnlichkeit mit der des Guerilla-Kampfes. Ihr ist am schwersten beizukommen. Die Vertreibung des Ich aus dem Bewusstsein ist zwangsläufig ein vielschichtiger Prozess und lässt sich nicht durch stets gleichbleibendes Vorgehen erreichen. Da die Natur des Ich sehr komplex ist, erfordert seine Beseitigung ein gleichermaßen komplexes Vorgehen. Weil dem Ich fast unbegrenzte Möglichkeiten zu Gebote stehen, um sein Dasein zu sichern und Selbsttäuschung hervorzurufen, sieht sich der Suchende außerstande, mit dem ständig neu aufkeimenden Formen des Ich fertig zu werden. Er hat nur dann Aussicht auf endgültigen Erfolg in seinem Kampf gegen die Schliche des Ich, wenn er die Hilfe und Gnade eines Vollkommenen Meisters erlangt.“
Der buddhistische Lehrer Chögyam Trungpa entlarvte in diesem Zusammenhang sehr schnell den „spirituellen Materialismus“, dem wir im Westen frönen. Auch wenn wir vordergründig unser Leben nach spirituellen Werten ausrichten, sind wir doch von den Prämissen und Werten unserer Gesellschaft durchdrungen. Auch wenn wir spirituell ausgerichtete Menschen sind, sollten wir also prüfen, ob dahinter nicht doch materialistische Hoffnungen stecken. Vielleicht ist zum Beispiel unser regelmäßiger Besuch in ein spirituelles Zentrum neben unserer vordergründigen spirituellen Praxis auch ein Ort, an dem wir unser Bedürfnis nach Anerkennung und Status erfüllen, indem wir in edlen spirituellen Gewändern in den vorderen Reihen sitzen und ganz selbstverständlich die tiefsten Weisheitslehren mit anderen Menschen teilen.
Der Punkt ist: Daran ist erstmal nichts schlimmes. Wir alle haben dieselbe Krankheit, wir alle sind vom selben Dämon der Ich-Sucht befallen. Darum müssen wir uns auch keine Vorwürfe machen oder an uns zweifeln. Verständnis und Mitgefühl sind wirklich immens wichtig in unserem Prozess! Vielmehr geht es einfach darum, Stück für Stück unser Leben zu untersuchen und einer gewissenhaften Prüfung zu unterziehen.
Und wenn wir es schaffen, ganz geduldig und voller Liebe zu uns selbst, das Greifen nach einem „ich“ zu lockern, entsteht die Möglichkeit, sich in einem umfassenderen, größeren Kontext wahrzunehmen – es entsteht ein Raum, der mit Hingabe gefüllt werden kann. Es besteht die Möglichkeit unseren inneren kulturellen Raum zu erweitern. Es besteht die Möglichkeit eines kulturellen Raumes jenseits des Ego.
_()_

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen