Sex, Mantren und das Ding mit der Liebe


Sexualität und Spiritualität? Geht es in vielen spirituellen Lehren nicht um ein Losgelöst-Sein von der Welt? Ist das Ziel nicht eine Haltung, die allen Begierden und Sinnesfreuden entsagt?


In früheren Zeiten dachte und handelte ich tatsächlich nach diesen Maximen und ergab mich für einige Jahre den Schilderungen des Theravada, ergab mich den Schilderungen der Unreinheit des Körpers. Und sobald ich einer Frau begegnete, die in mir Gefühle von Erregung und Begehren auslöste, stellte ich mir vor, wie unappetitliche Sekrete und Körperflüssigkeiten aus ihr flossen, um mich von dem unheilsamen Geisteszustand des Begehrens frei zu machen. Doch letztendlich wurde ich auf diese Weise nur recht griesgrämig und unwirsch. Die Welt schien mir ein Ort der Lust und des Lasters zu sein, dem ich um jeden Preis entkommen musste; es war sehr anstrengend. Dann, eines Tages, ich saß in einem Park und schaute den vielen Menschen bei ihrem Treiben zu, wie sie sich küssten und miteinander lachten und spielten. Und mir wurde bewusst, dass diese monastische Strenge nicht mein Weg sein konnte, solange ich inmitten dieser Fülle und lebendiger Form lebte. Konnte Sexualität nicht auch ein großes Geschenk und eine heilsame Handlung sein, wenn sie mit heilsamer Motivation praktiziert würde? 

Ich war ratlos und wusste nicht recht, wie ich mit diesem Thema umgehen sollte. Auch in meinem buddhistischen Zentrum bekam ich, außer einigen allgemein gehaltenen Verhaltensregeln, nichts darüber zu hören. Doch warum sprachen buddhistische Lehrer und Lehrerinnen so wenig über Sexualität und Körperlichkeit in einer wohlwollenden und förderlichen Art und Weise? Warum wurde zumeist nur über die Gefahr der Anhaftung und den negativen Folgen der Begierde gesprochen? Ich hörte viele spirituelle Lehrer und Lehrerinnen, die zusammen mit einem Partner oder einer Partnerin lebten, wie sie offen und frei Anekdoten aus ihrem Leben erzählten. Doch über die lebendige Praxis ihrer Sexualität hörte ich bislang keinen von ihnen sprechen, nicht einen einzigen!

Durch Zufall stieß ich auf einen Artikel von Ulrike Nagel, einer spirituell Praktizierenden, der mir eine neue Türe aufsperrte. Ulrike schrieb, dass die körperliche Liebe ein Weg in die Freiheit sein könne, einer Freiheit, an die man nicht glauben müsse, sondern eine, die gewissermaßen „machbar“ sei. Sexualität würde dann zu einer Form der Liebe, in der es nicht darum ginge, lediglich die sexuelle Lust zu befriedigen oder die innere Einsamkeit zu beschwichtigen. Indem Mann und Frau lernten, ihren Partner zu lieben und zu ehren und ihre Energie in den Dienst der Liebe zu stellen, gelänge es, über eine rein persönliche Liebe hinauszuwachsen. Und so komme es, schrieb Ulrike, dass Sexualität für sie und ihren Mann, wie eine Meditation, ein Verschmelzen ohne jedes Ziel sei, als falle man gemeinsam in das Nichts.1 Konnte dies ein Weg sein, um Nirvana und Samsara gleichermaßen zu vereinen?



Durch meine Tätigkeit als Psychologe ist mir vertraut, dass viele Paare enorme Schwierigkeiten haben, ihrem Partner oder ihrer Partnerin aufrichtig gegenüber ihren emotionalen und sexuellen Wünschen zu sein. Gerade in Bezug auf ihre Sexualität sind Menschen äußerst unsicher und verletzlich und nicht wenige Paare gewöhnen sich gerade in ihrer Sexualität eine mechanische Routine an, die es ihnen scheinbar erlaubt, nicht über ihre Wünsche sprechen zu müssen. Die Praxis der Achtsamkeit auf den Körper hilft hier, offen und frei über die körperlichen Phänomene und Bedürfnisse zu sprechen. Es fühlt sich so befreiend an, den Körper wieder wahrzunehmen und diese direkte Erfahrung mit der Partnerin zu teilen! Später ist es dann möglich, diese Form der Kommunikation auch während des Liebemachens zu praktizieren. Dies ist ein sehr wichtiger Schlüssel auf dem Weg zu einem langsamen, bewussten Sex, der eindringlich verdeutlicht, worum es bei der körperlichen Vereinigung geht: um eine gemeinsame Form der Liebe, um Bewusstheit und Sensibilität.


Doch das Schlüsselelement ist die Erkenntnis, wie sehr spirituelle Praxis den Weg dazu bereiten kann, Sexualität als selbstlose Meditation zu praktizieren. Denn die wichtigste Fähigkeit, die wir benötigen, um eine wahrhaft erfüllende Sexualität zu erleben, ist die Praxis der Hingabe. Denn die Hingabe führt zu einer Liebe ohne Grenzen und hilft uns dabei, auf Schutzmechanismen zu verzichten und sich authentisch zu öffnen. Und ist es nicht gerade das Element der Hingabe, das in so vielen spirituellen Schulen vermittelt wird? Ist nicht Hingabe das Geschenk der Spiritualität an die Welt? Und findet sich nicht hier eine wunderbare Möglichkeit die spirituellen Essenzen von Liebe und Mitgefühl in die Partnerschaft einfließen zu lassen?

Aus Sicht des Mahayana Buddhismus kann man zudem den sexuellen Partner als Wiederspiegelung derjenigen erleuchteten Eigenschaften erfahren, die man selbst noch nicht in sich erkannt und integriert hat. So verkörpern Frauen in der Regel Aspekte des weiblichen Prinzips der Weisheit, während Männer oftmals erleuchtete Aktivität verkörpern. Im Augenblick der Vereinigung können bei Männern Facetten der Weisheit geweckt werden, während Frauen durch ihren Partner die kraftvolle Energie erleuchteter Aktivität integrieren können. Auf diese Weise kommt es zu einer Erfahrung der Ganzheit, denn Tatkraft kann nur dann mühelos für alle Wesen da sein, wenn sie aus Weisheit entsteht. Und Weisheit kann nur durch Tatkraft ausgedrückt werden.2page2image20408

Ich empfinde diese Thesen als anregend und inspirierend. Und würde mich darüber freuen, wenn darüber vermehrt diskutiert und debattiert werden würde. Denn ich würde sagen, dass der Missklang unserer Sexualität (und Studien zufolge erleben 50% der Bevölkerung ihre Sexualität als nicht erfüllend!3) im Grunde genommen auf einem Mangel an inspirierter Theorie und Praxis beruht. Denn, um es mit den Worten Thich Nhat Hanhs zu sagen: „Die sexuelle Vereinigung kann sehr heilig, sehr schön und auch sehr spirituell sein, wenn sie zusammen geht mit tiefem Verstehen, tiefer Absicht.“4


Ulli Nagel. Sex, Liebe und die Suche nach Sinn Eine Pilgerreise mit Umwegen. Kamphausen, 2014.
2 Dietrich Rowek. Partnerschaft und Sexualität? Buddhismus heute 30/2000page3image6072

3 Felicitas Heyne. Fremdenverkehr: Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben. Goldmann, 2012. 
4 Verantwortlicher Umgang mit Sexualität. Fragen und Antworten mit Thich Nhat Hanh. Intersein 1/2004 

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